Zum Fressen gern

Bei TeneTrio ist der Wurm drin. Ina Henkel produziert Hundefutter auf Insektenbasis.

Potsdam TransferBericht von Heike Kampe in PortalTransfer – Wissen und Innovationen aus der Universität Potsdam, Heft 2020/2021, Seite 24–25 (ISSN 1618-6907) – 16-Dez-2020 – Download (PDF)

Ob rund oder viereckig, in Herzchenform oder als kleinen Knochen – den Hundeleckerlis von Ina Henkel sieht man nicht an, dass die Hauptzutat aus Mehlwürmern besteht. 2017 gründete die promovierte Ernährungswissenschaftlerin gemeinsam mit zwei Mitstreiterinnen ihre Firma EntoNative, die unter der Marke TeneTrio nachhaltiges Hundefutter auf Insektenbasis produziert.

Dr. Ina Henkel, Gründerin der EntoNative GmbH (Photo: © Sandra Scholz)

An ihre ersten Insektenmahlzeiten kann sich Ina Henkel noch gut erinnern: „Das waren frittierte Heuschrecken auf einem Markt in Thailand und später gekochte Sagowürmer in einem sehr feinen vietnamesischen Restaurant“, erzählt sie. Als „nussig bis gorgonzolaartig“, beschreibt sie den Geschmack der Insekten. „Auf jeden Fall überraschend.“ Dass die Dienstreisen aus dem Jahr 2013 den Grundstein für ein Unternehmen legen würden, war damals aber noch nicht abzusehen.

„Das Thema Ernährung und Insekten wurde zu dieser Zeit in der Wissenschaft heiß diskutiert“, erzählt Ina Henkel. Und in der Tat haben die Sechsbeiner aus Sicht der Ernährungsforschung einiges zu bieten. „Ihr Protein ist vergleichbar mit Rindfleisch, sie besitzen ähnlich viele Vitamine und Mineralien wie Gemüse und ein Fettsäurespektrum wie beim Fisch“, fasst Henkel zusammen. Die Produktion von Insekten benötigt außerdem viel weniger Wasser, Fläche und Futter und stößt nur einen Bruchteil der CO2-Emissionen aus, die in der Fleischproduktion anfallen. Mit Insekten – das erkannte Ina Henkel rasch – lassen sich gesunde Nahrungs- und Futtermittel ressourcen- und umweltschonend produzieren. Das Wissen darüber allein reichte der Forscherin aber nicht aus. Sie wollte es auch anwenden.

Nach einer Elternzeit wagte die Forscherin gemeinsam mit einer Kollegin den Schritt in die Selbständigkeit – mit vielen offenen Fragen. Unterstützt wurden die gründungswilligen Wissenschaftlerinnen durch den Gründungsservice von Potsdam Transfer – der zentralen wissenschaftlichen Einrichtung für den Wissens- und Technologietransfer an der Universität Potsdam. In einem dreitägigen Crashkurs entwickelten sie ein Geschäftsmodell, erstellten einen Businessplan, machten sich Gedanken über die Vermarktung. „Da wurde schnell klar: Wir brauchen noch jemanden mit betriebswirtschaftlichen Kenntnissen“, erinnert sich Henkel. Als sie diesen Posten kurze Zeit später besetzten, war das Trio komplett.

Drei Tage lang schlossen sich die Jungunternehmerinnen in einen Raum ein, ließen die Ideen sprudeln, diskutierten, schmiedeten Pläne. „Ein ganzes Wochenende haben wir in diesem Raum geschlafen, gegessen, gedacht“, erzählt Ina Henkel. Es war ein Test, ob sie als Team auch unter schwierigen Bedingungen miteinander funktionieren – und offenbar passte es.

Photo: © Karla Fritze

Das Herz des Unternehmens ist heute die Insektenfarm, in der die Unternehmerinnen die Hauptzutat für ihr Hundefutter züchten. Zwischen Mehl, Apfelschnitzen und Karottenscheiben wachsen die Mehlwürmer heran, werden zwölf Wochen nach dem Schlupf geerntet und zu Insektenmehl verarbeitet. Tenebrio molitor lautet der wissenschaftliche Name der Tiere – die damit Pate für die Marke TeneTrio stehen. Wenn die Larven sich verpuppen, schlüpfen etwas später schwarze, gut einen Zentimeter große Mehlkäfer. Ein Weibchen kann bis zu 150 Eier ablegen und so für die nächste Mehlwurmgeneration sorgen.

Photo: © Sandra Scholz

Die Rezepte für ihre mittlerweile 14 Produkte – mit außergewöhnlichen Geschmacksrichtungen wie Erdbeer-Minze oder Birne-Parmesan – halten die Unternehmerinnen bewusst frei von Getreide und Zusätzen. „Viele Hunde – nämlich etwa 20 Prozent – reagieren allergisch auf Weizen, tierische Proteine oder Konservierungsmittel in ihrem Futter“, erklärt Ina Henkel. „So wenig wie möglich, so viel wie nötig“, lautet deshalb die Produktphilosophie bei TeneTrio. „Das Futter muss die Tiere mit genug Energie, allen notwendigen Vitaminen und Mineralstoffen versorgen. Alles, was darüber hinausgeht, ist überflüssig“, sagt die Unternehmerin, die konsequent alle Zutaten auf ihren Produkten klar deklariert.

Photo: © Sandra Scholz

Statt wissenschaftliche Paper zu lesen und Laborversuche zu planen, dreht sich der Arbeitsalltag von Ina Henkel nun darum, Kunden zu gewinnen, neue Rezepte zu kreieren, Kontakte zu pflegen und plastikfreie Verpackungen zu entwerfen – ganz im Sinne der Nachhaltigkeit. „So ein Start-up bedeutet natürlich sehr viel Arbeit“, sagt sie. Und auch die eine oder andere schlaflose Nacht, wenn im Kopf die Produktionszahlen umherwirbeln und Kosten für Maschinen, Räume, Verpackung oder Mitarbeiter berechnet werden. „Aber das Wichtigste ist, dass man überzeugt ist von seiner Idee und dabei Spaß hat.“

Dass die Chefin selbst Futter verpackt oder in der Produktion aushilft, ist selten geworden. Gerade in den Wochen vor Weihnachten wird es am Firmenstandort in Nuthetal aber besonders turbulent – die Kartons für die Adventskalender stapeln sich und wollen mit Leckerlis befüllt werden. Die zahlreichen Bestellungen für das neue Nassfutter müssen bearbeitet werden. Ina Henkel hindert das nicht daran, schon weitere Zukunftspläne zu schmieden. Auf den internationalen Markt hat sie ein Auge geworfen. Die ersten Produkte gibt es bereits in den Niederlanden und auch in Singapur zu kaufen. Weitere Länder sollen folgen. „Irgendwann entwickeln wir vielleicht auch ein Katzenfutter“, sagt die innovationsfreudige Gründerin. „Aber das wird eine große Herausforderung – Katzen sind bekanntlich wählerischer als Hunde.“

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