Wie profitieren Schädlinge vom Klimawandel?

Die Forschungsfrage in: Forschungsfelder – Magazin für Ernährung und Landwirtschaft, hrsg. v. BMEL, Heft 2/2020 (Juni), Seite 34 (PDF) – (Titel des Heftes: „Blaues Wunder. Wie eingeschleppte Schädlinge Pflanzen bedrohen“)

Das Gespräch führte Martin Sattler mit Anne Wilstermann, der stellvertretenden Projektkoordinatorin im Forschungsprojekt ProgRAMM am Julius-Kühn-Institut in Braunschweig.

Anne Wilstermann (ProgRAMM). Ill.: Sarah Heiß

Im Projekt ProgRAMM entsteht ein Modell, um Schadorganismen zu untersuchen, von denen durch den Klimawandel ein höheres Risiko für Pflanzen ausgeht. Dadurch sollen heimische Pflanzen besser geschützt werden. Wie das gelingt, erklärt Dr. Anne Wilstermann.

Frau Wilstermann, auf welchen Wegen gelangen neue Schädlinge zu uns?

Ein Verbreitungsweg sind importierte Waren. Zwar werden Pflanzenprodukte effektiv kontrolliert, trotzdem gelingt es Schädlingen zum Teil, als blinde Passagiere mitzureisen, beispielsweise an Gartenstühlen aus Holz. Auch Menschen bringen sie unbemerkt von ihren Reisen mit oder bestellen im Internet Zierpflanzen ohne Pflanzengesundheitszeugnis. Einige Insekten fliegen auch einfach selbst zu uns. Das nimmt aktuell gerade aus den südlichen Ländern zu, da die natürliche Barrierefunktion der Alpen durch die Klimaerwärmung zurückgeht.

Was bedeutet das für heimische Pflanzen?

Neue invasive Arten können sich meist ungehindert verbreiten, weil natürliche Gegenspieler fehlen. Wie die Marmorierte Baumwanze, die eigentlich aus Ostasien stammt. Sie ist gegen viele Pflanzenschutzmittel resistent und befällt mehr als 300 verschiedene Pflanzenarten. Die Früchte geschädigter Obst- und Gemüsepflanzen lassen sich nicht mehr verkaufen. Hier bleibt als Anbaualternative eventuell nur das geschützte Gewächshaus.

Wie lassen sich Pflanzen vor diesen Schädlingen schützen?

Wir brauchen ein genaueres Bild davon, wer sie bedroht. Durch den Klimawandel sind zu den üblichen Verdächtigen neue Schädlinge hinzugekommen. Gerade solche, die eigentlich in südlicheren Ländern heimisch sind. Um sie im Blick zu haben, erstellen wir im Rahmen des Projekts ProgRAMM – „Proaktive pflanzengesundheitliche Risikoanalyse durch Modellierung und Monitoring“ – ein Simulationsmodell. So können wir voraussagen, in welchen Regionen sich neue klimasensitive Schädlinge ansiedeln und welche Schäden sie anrichten.

Welche Arten beobachten Sie?

Unser Partner, das Landwirtschaftliche Technologiezentrum Augustenberg (LTZ), erhebt Daten zu sechs Schädlingen: der Marmorierten Baumwanze, der Grünen Reiswanze, dem Baumwollkapselwurm, der Roten Austernschildlaus, der Tomatenwolllaus und der Mittelmeerfruchtfliege. Von diesen Arten wissen wir, dass sie sich in Deutschland angesiedelt haben und hier nicht mehr eindämmen lassen.

Welche Daten fließen in das Modell ein?

Grundlage des Modells sind einerseits Daten des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) und andererseits Daten über Wirtspflanzen, die den Schädlingen zur Verfügung stehen. Wir kombinieren diese Daten mit den biologischen Bedürfnissen der Schädlinge. Zudem können wir Verbreitungswege wie Verkehrsknotenpunkte oder potentielle Überwinterungsquartiere wie Kleingärten miteinbeziehen. Außerdem erheben wir Daten zum Verbreitungsgebiet, zu entstandenen Schäden und zur Populationsentwicklung. Die brauchen wir, um die Genauigkeit unseres Modells zu prüfen. Dabei sind wir auch für Hinweise aus der Bevölkerung dankbar – im vergangenen Jahr hat das LTZ rund 750 Meldungen zu den genannten Schädlingen erhalten.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Wir stellen das Modell und die Projektergebnisse Anfang 2022 auf einer interaktiven Plattform zur Verfügung – frei zugänglich für alle Hobbygärtnerinnen und -gärtner sowie für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die etwa die Ausbreitung anderer invasiver Arten erforschen. Ich wünsche mir, dass wir bei der Pflanzengesundheit alle an einem Strang ziehen. Wenn alle die Augen offenhalten – Bürgerinnen und Bürger sowie Pflanzenbau, Wissenschaft und Pflanzenschutzdienste –, können wir unsere Pflanzen schützen.

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