Feld-Versuche

PortalTransfer, Universität Potsdam

Landwirtschaft zwischen Busch und Baum: Wie Benedikt Bösel mit Agroforst das Klima schützt

Potsdam TransferBericht von Wiebke Heiss in PortalTransfer – Wissen und Innovationen aus der Universität Potsdam, Heft 2021/2022, Seite 64–65 (ISSN 1618-6907) – 13-Dez-2021 – Download (PDF)

Der Mule legt sich galant in die Kurve, hoppelt über ein paar Traktorfurchen und kommt flott übers Kopfsteinpflaster des „Gut & Bösel“. Hier in Ostbrandenburg werden 1100 Hektar Acker- und Grünland nach den Regeln der regenerativen Landwirtschaft bestellt. Benedikt Bösel ist Inhaber des Guts, sitzt lässig am Lenkrad und ruft gut gelaunt gegen den Wind an: „Wir nennen ihn Brummi!“ Der junge Landwirt ist auf dem Weg zu Flächen, auf denen er Feldversuche betreibt. Am praktischsten geht das mit seinem kompakten Transport-Fahrzeug.

Landwirt Benedikt Bösel, Gf. Gesellschafter des Schlossguts Alt Madlitz in Briesen (Mark), Brandenburg

Unter dem Motto Beyond Farming experimentiert Bösel auf ausgesuchten Flächen, wie es gelingen könnte, trotz steigender Temperaturen und Wassermangels ertragreich, ökologisch und umweltverträglich die Ernte einzufahren. „Bei unserem Ansatz ist der Boden der Dreh- und Angelpunkt“, erklärt der 36-Jährige und lässt eine Handvoll sandiger Erde, die man so gut aus Brandenburg kennt, durch seine Finger rieseln. „Schlussendlich wollen wir das Land, das wir bewirtschaften, nicht nur in einem guten Zustand halten, sondern durch unsere Nutzung noch verbessern.“

Zu diesem Zweck durchziehen im ersten Feldversuch mit Bäumen und Sträuchern bewachsene Streifen in regelmäßigen Abständen den weiten Acker – ein sogenannter Agroforst. Die Pflanzen sollen quasi mechanisch die Winderosion verringern, das Mikroklima zwischen den Reihen verbessern und dem Boden helfen, Wasser maximal zu speichern. Weitere Feldversuche dienen der Auswahl der besten Baumarten für diese Systeme, die direkt auch beerntet werden können: Obst- und Nussbäume oder Edelholz.

„Je nach Breite der Baumstreifen auf dem Feld sind zwar zwischen fünf und zehn Prozent der landwirtschaftlichen Fläche bepflanzt“, erklärt der Zweimetermann. Die Vorteile der Schneisen machten den dadurch verlorenen Ertrag aber wieder wett, wenn dieser nicht sogar übertroffen werde – zum Beispiel indem wertvoller Humus aufgebaut werde und die Böden zusätzlich Kohlenstoff speicherten und somit der Atmosphäre entzögen. Soweit die Theorie. Ob das wirklich funktioniert? Dafür braucht es nun die Wissenschaft und gemessene Daten. Aus diesem Grund arbeiten der Landwirt und sein Team mit Forschern zusammen, die sich auf der Rückbank von Brummi mit durchschütteln lassen.

Professor Hubert Wiggering und Tarek Kemper, Begleitforschung KlimAgrar an der Universität Potsdam

„Nach dem Übereinkommen in Paris 2015 war die Euphorie groß“, ruft Professor Hubert Wiggering von hinten. Dass die Agrarindustrie besonders von den Beschlüssen betroffen sein würde, war allen klar – der Bereich gehört mit zu den Verursachern von Treibhausgasemissionen. Aber wie neue Maßnahmen auf den Feldern und in den Ställen effektiv umgesetzt werden, um klimaschützend zu wirtschaften – dazu sei in der Politik erst einmal Ernüchterung eingetreten. An der Lösung dieses Problems arbeitet der Landwissenschaftler von der Universität Potsdam nun mit einem Team auf unkonventionelle Weise: „Wir müssen raus aus dem üblichen Klein-Klein in der Agrarforschung und rein in einen orchestrierten Ansatz. Das haben wir der Politik gegenüber stets wiederholt“, erinnert sich Wiggering an die Vision, die inzwischen in das vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft geförderte Vernetzungs- und Transfervorhaben KlimAgrar einfließt. Zwei Aufgaben muss dieses Unterfangen nun so schnell wie möglich erfüllen. Zum einen soll Forschung quasi gecoacht werden: „Unterschiedlichste wissenschaftliche Projekte aus der Landwirtschaft werden von uns zielführend miteinander vernetzt“, erklärt Doktorand Tarek Kemper, der mit zum Team gehört. Auf diese Weise würde nicht mehr jeder vor sich hin forschen, sondern die Kräfte in der Agrarforschung würden gebündelt. Zum anderen sollen die Ergebnisse dieser Förderprojekte ausgewertet und die Erkenntnisse als Handlungsempfehlungen in Wissenschaft, Politik und Praxis einfließen.

„Dieser Prozess kann aber nicht nur in den Köpfen der Forschenden stattfinden. Er muss gleichzeitig auch bei den Anwendern auf den Höfen ablaufen“, meint Kemper. Es bringe nichts, den Landwirten theoretische Empfehlungen vorzusetzen, die diese nicht praktikabel umsetzen können. Und hier schließt sich der Kreis zwischen KlimAgrar und Benedikt Bösel. Wiggering beobachtet schon seit vielen Jahren, dass einige Bauern alternative Ansätze ausprobieren und damit auch „weit schneller sind als wir an den Unis“. Die Agrarbranche ist letztendlich nicht nur Mitverursacher des Klimawandels, sondern auch von den Auswirkungen direkt betroffen und daher gezwungen, sich anzupassen.

„Also ziehen wir los, gucken uns die Szene an und finden raus, wer wie unterwegs ist“, erzählt der Professor. Diese neuen Ansätze werden dann vor Ort forschend begleitet. „Die Erkenntnisse, die wir gemeinsam mit dem Bauer on farm gewinnen – daraus sollen zukunftsorientierte Vorgehensweisen abgeleitet werden.“ Das könnte zum Beispiel so aussehen, dass KlimAgrar mit Hilfe von Bendikt Bösel einen Klimarechner für eine Kohlenstoffsenkenfunktion von Agroforstsystemen entwickelt. Diesen könnte das Gut in Ostbrandenburg nutzen, um eine anrechenbare Größe in Sachen Umweltschutz vorweisen zu können. Wenn ein Landwirt also in naher Zukunft beweisen könnte, klimaneutral zu wirtschaften, würden andere dem erfolgreichen Beispiel folgen. Von der Politik zielgerichtet und durch finanzielle Anreize unterstützt.

(Photos: © Wiebke Heiss)

Klima

Informationen zur politischen Bildung (IzpB)

Informationen zur politischen Bildung (IzpB) – Heft 347 (2/2021)

Im Juli 2021 hat die Bundeszentrale für politische Bildung das Heft „Klima“ herausgebracht. Es müsste eigentlich den Titel „Klimawandel tragen.

Das Heft enthält umfassende Literaturangaben und beinhaltet folgende Kapitel:

  • Ursachen und Folgen des Klimawandels
  • Das Verhältnis von Klimawissenschaft und Politik
  • Minderungspfade
  • Klimapolitik in der öffentlichen Diskussion
  • Klimaschutz als Aufgabe für Politik und Gesellschaft

Quelle: BPB: Informationen zur politischen Bildung Heft 347 (2/2021) – (ISSN 0046-9408)

Ackerbaustrategien haben Hochkonjunktur

Bei allen Diskussionen zur Erreichung der Klimaziele nach dem Übereinkommen von Paris von 2015, des Klimaschutzplans 2050 von 2016 sowie des Klimaschutzprogramms 2030 der Bundesregierung von 2019 oder des neuen 10-Punkte-Plans des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) wird immer wieder auf die Ackerbaustrategie verwiesen, die im aktuellen Koalitionsvertrag der Bundesregierungsparteien im Februar 2018 avisiert wurde (PDF, Seite 85). Seitens des BMEL wurde sie dann ein Jahr später für den Herbst 2019 angekündigt und steht wohl auch kurz vor der Fertigstellung.

Der Deutsche Bauernverband (DBV) hat bereits im Mai 2018 seinerseits die „Ackerbaustrategie der deutschen Landwirtschaft“ veröffentlicht. Auch das Land Niedersachsen hat sich auf den Weg gemacht, eine eigene Ackerbaustrategie in einem andauernden, partizipativen Prozess zu erstellen.

Nun hat das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) ein Papier mit dem Titel „Nachhaltigkeit im Ackerbau – Eckpunkte für eine Ackerbaustrategie“ vorgelegt. Damit wird unwillkürlich aus der Umweltdiskussion heraus eine besondere Erwartungshaltung an die noch ausstehende Strategie des BMEL aufgebaut, die letztlich als die der Bundesregierung angedacht ist. Von den seitens des BMU beauftragten Autoren werden jedoch bereits mit dem nun vorliegenden Eckpunktepapier regelrechte Pflöcke eingeschlagen. Es wird deutlich hervorgehoben, dass Ackerbau wieder als ganzheitliches System verstanden werden müsse, bei dem alle betroffenen Bereiche miteinander zusammenwirken. Die vorgeschlagenen Maßnahmen sollen ineinandergreifen, sollen Synergien stärker nutzen und so ein integriertes Ackerbausystem schaffen, das der Abhängigkeit von Landwirtschaft, Umwelt und Biodiversität Rechnung trägt. Es gilt, aus der konventionellen Herangehensweise auszubrechen; die LandwirtInnen müssen die Möglichkeit haben, wieder stärker standortangepasst zu wirtschaften, um damit u. a. auch bewusst Ziele des Klimaschutzes berücksichtigen zu können.

Dabei wird insbesondere gefordert, dass die Politik klare Rahmenbedingungen für eine Transformation hin zu einer gesellschaftlich gewollten, akzeptierten Landwirtschaft setzt, die darüber hinaus auch sozial- und naturverträglich ist.

IALE-D-Jahrestagung 2019 in Potsdam

Vom 30. September bis 2. Oktober 2019 fand die Jahrestagung des deutschen Ablegers der International Association for Landscape Ecology (IALE-D) in Potsdam statt. Ausrichter war das Team KlimAgrar von den Landwissenschaften an der Universität Potsdam. Professor Hermann Lotze-Campen vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und Axel Bronstert von der Universität Potsdam eröffneten mit ihren Vorträgen das Thema der Tagung „Landschaft im Klimaschutz“. Erfreulicherweise gab es in den unterschiedlichen Präsentationsformaten auch Beiträge aus der weiteren KlimAgrar-Projektgemeinde. So waren CarboCheck, GülleBest, VitiSoil, GetreideProtekt, MinTHG, OptAKlim, SimKlima, ReMissionDairy, eMissionCow, ResRaMa sowie EMRA mit Vorträgen oder Postern vertreten. Weitere Informationen zum Ablauf und den Inhalten der Tagung finden Sie bei unseren Nachrichten im öffentlichen Bereich der Website.

Fachtagung Klimaschutz „Was kann die Landwirtschaft tun?“

Braunschweig, 09-Jul-2019

veranstaltet von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen und dem Thünen-Institut

Letztlich läuft die Diskussion um Minderungsmöglichkeiten der Treibhausgasemissio­nen aus der Landwirtschaft immer wieder auf die landwirtschaftliche Nutzung der Moor- oder organischen Böden, auf die Tierhaltung und etwaigen Minderungen der An­zahl der Nutztiere sowie auf das Dünge-, insbesondere Stickstoff­management als wesentliche Stellschrauben hinaus. Auch wenn es Maß­nahmenpläne seitens der Politik gibt und wissenschaftliche Lösungen gesucht wer­den, gilt es gleichermaßen, praktische Klimaschutzmöglichkeiten für landwirtschaft­liche Betriebe aufzutun. Ge­nannte Fachtagung unterstreicht dies nochmals nachdrücklich.

Letztendlich bleibt aber abzuwarten, inwieweit betriebliche Klimabilan­zierungen zur Verfügung stehen bzw. bereits verfügbare (vgl. TEKLa; HUNTER) weiter entwickelt werden, entsprechende Akzeptanz finden, da­mit sukzessive zur Anwendung kommen und sich bewähren werden.

Zudem zeigte die Veranstaltung auf, wie wichtig es ist, so früh wie möglich die Landwirtinnen und Landwirte mit in die Diskussion reinzuholen und bei der Entwick­lung entsprechender Tools zur betrieblichen Klimabilanzierung mit ein­zubeziehen, nicht nur, um größere Akzeptanz für diesen Weg zu finden, sondern ebenso, um die Erfahrungswerte der Praxis zu nutzen.

Mit der KlimAgrar-Arbeitstagung Landwirtschaft und Klimaschutz – Forum für Landwirte🕸 am 14.–15. November in Camp Reinsehlen gilt es eben diese Diskussion konsequent weiter fortzusetzen und ggf. mit den Landwirtinnen und Landwirten zusammen nächste Schritte zur Konkretisierung und Umsetzung einer betrieblichen Klimabilanzierung einzuleiten.