Feld-Versuche

PortalTransfer, Universität Potsdam

Landwirtschaft zwischen Busch und Baum: Wie Benedikt Bösel mit Agroforst das Klima schützt

Potsdam TransferBericht von Wiebke Heiss in PortalTransfer – Wissen und Innovationen aus der Universität Potsdam, Heft 2021/2022, Seite 64–65 (ISSN 1618-6907) – 13-Dez-2021 – Download (PDF)

Der Mule legt sich galant in die Kurve, hoppelt über ein paar Traktorfurchen und kommt flott übers Kopfsteinpflaster des „Gut & Bösel“. Hier in Ostbrandenburg werden 1100 Hektar Acker- und Grünland nach den Regeln der regenerativen Landwirtschaft bestellt. Benedikt Bösel ist Inhaber des Guts, sitzt lässig am Lenkrad und ruft gut gelaunt gegen den Wind an: „Wir nennen ihn Brummi!“ Der junge Landwirt ist auf dem Weg zu Flächen, auf denen er Feldversuche betreibt. Am praktischsten geht das mit seinem kompakten Transport-Fahrzeug.

Landwirt Benedikt Bösel, Gf. Gesellschafter des Schlossguts Alt Madlitz in Briesen (Mark), Brandenburg

Unter dem Motto Beyond Farming experimentiert Bösel auf ausgesuchten Flächen, wie es gelingen könnte, trotz steigender Temperaturen und Wassermangels ertragreich, ökologisch und umweltverträglich die Ernte einzufahren. „Bei unserem Ansatz ist der Boden der Dreh- und Angelpunkt“, erklärt der 36-Jährige und lässt eine Handvoll sandiger Erde, die man so gut aus Brandenburg kennt, durch seine Finger rieseln. „Schlussendlich wollen wir das Land, das wir bewirtschaften, nicht nur in einem guten Zustand halten, sondern durch unsere Nutzung noch verbessern.“

Zu diesem Zweck durchziehen im ersten Feldversuch mit Bäumen und Sträuchern bewachsene Streifen in regelmäßigen Abständen den weiten Acker – ein sogenannter Agroforst. Die Pflanzen sollen quasi mechanisch die Winderosion verringern, das Mikroklima zwischen den Reihen verbessern und dem Boden helfen, Wasser maximal zu speichern. Weitere Feldversuche dienen der Auswahl der besten Baumarten für diese Systeme, die direkt auch beerntet werden können: Obst- und Nussbäume oder Edelholz.

„Je nach Breite der Baumstreifen auf dem Feld sind zwar zwischen fünf und zehn Prozent der landwirtschaftlichen Fläche bepflanzt“, erklärt der Zweimetermann. Die Vorteile der Schneisen machten den dadurch verlorenen Ertrag aber wieder wett, wenn dieser nicht sogar übertroffen werde – zum Beispiel indem wertvoller Humus aufgebaut werde und die Böden zusätzlich Kohlenstoff speicherten und somit der Atmosphäre entzögen. Soweit die Theorie. Ob das wirklich funktioniert? Dafür braucht es nun die Wissenschaft und gemessene Daten. Aus diesem Grund arbeiten der Landwirt und sein Team mit Forschern zusammen, die sich auf der Rückbank von Brummi mit durchschütteln lassen.

Professor Hubert Wiggering und Tarek Kemper, Begleitforschung KlimAgrar an der Universität Potsdam

„Nach dem Übereinkommen in Paris 2015 war die Euphorie groß“, ruft Professor Hubert Wiggering von hinten. Dass die Agrarindustrie besonders von den Beschlüssen betroffen sein würde, war allen klar – der Bereich gehört mit zu den Verursachern von Treibhausgasemissionen. Aber wie neue Maßnahmen auf den Feldern und in den Ställen effektiv umgesetzt werden, um klimaschützend zu wirtschaften – dazu sei in der Politik erst einmal Ernüchterung eingetreten. An der Lösung dieses Problems arbeitet der Landwissenschaftler von der Universität Potsdam nun mit einem Team auf unkonventionelle Weise: „Wir müssen raus aus dem üblichen Klein-Klein in der Agrarforschung und rein in einen orchestrierten Ansatz. Das haben wir der Politik gegenüber stets wiederholt“, erinnert sich Wiggering an die Vision, die inzwischen in das vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft geförderte Vernetzungs- und Transfervorhaben KlimAgrar einfließt. Zwei Aufgaben muss dieses Unterfangen nun so schnell wie möglich erfüllen. Zum einen soll Forschung quasi gecoacht werden: „Unterschiedlichste wissenschaftliche Projekte aus der Landwirtschaft werden von uns zielführend miteinander vernetzt“, erklärt Doktorand Tarek Kemper, der mit zum Team gehört. Auf diese Weise würde nicht mehr jeder vor sich hin forschen, sondern die Kräfte in der Agrarforschung würden gebündelt. Zum anderen sollen die Ergebnisse dieser Förderprojekte ausgewertet und die Erkenntnisse als Handlungsempfehlungen in Wissenschaft, Politik und Praxis einfließen.

„Dieser Prozess kann aber nicht nur in den Köpfen der Forschenden stattfinden. Er muss gleichzeitig auch bei den Anwendern auf den Höfen ablaufen“, meint Kemper. Es bringe nichts, den Landwirten theoretische Empfehlungen vorzusetzen, die diese nicht praktikabel umsetzen können. Und hier schließt sich der Kreis zwischen KlimAgrar und Benedikt Bösel. Wiggering beobachtet schon seit vielen Jahren, dass einige Bauern alternative Ansätze ausprobieren und damit auch „weit schneller sind als wir an den Unis“. Die Agrarbranche ist letztendlich nicht nur Mitverursacher des Klimawandels, sondern auch von den Auswirkungen direkt betroffen und daher gezwungen, sich anzupassen.

„Also ziehen wir los, gucken uns die Szene an und finden raus, wer wie unterwegs ist“, erzählt der Professor. Diese neuen Ansätze werden dann vor Ort forschend begleitet. „Die Erkenntnisse, die wir gemeinsam mit dem Bauer on farm gewinnen – daraus sollen zukunftsorientierte Vorgehensweisen abgeleitet werden.“ Das könnte zum Beispiel so aussehen, dass KlimAgrar mit Hilfe von Bendikt Bösel einen Klimarechner für eine Kohlenstoffsenkenfunktion von Agroforstsystemen entwickelt. Diesen könnte das Gut in Ostbrandenburg nutzen, um eine anrechenbare Größe in Sachen Umweltschutz vorweisen zu können. Wenn ein Landwirt also in naher Zukunft beweisen könnte, klimaneutral zu wirtschaften, würden andere dem erfolgreichen Beispiel folgen. Von der Politik zielgerichtet und durch finanzielle Anreize unterstützt.

(Photos: © Wiebke Heiss)

Schutz nach Maß

BMEL Forschungsfelder Magazin

Von Heike Kampe in: Forschungsfelder – Magazin für Ernährung und Landwirtschaft, hrsg. v. BMEL, Heft 2/2021 (Juni), Seite 18–23 (PDF) – (Titel des Heftes: „Eine Kunst für sich. Gemüse und Obst im Fokus der Forschung“)

Sie stechen, bohren, saugen und knabbern – Pflanzenschädlinge vermehren sich in Gemüse- und Obstkulturen rasant und können ganze Ernten vernichten. Insektizide schützen die Pflanzen, haben aber negative Auswirkungen auf die Umwelt. Es gibt jedoch zunehmend Alternativen, die umweltfreundlich und effektiv sind.

Er ist nur wenige Millimeter groß, unscheinbar grün – und im Obstanbau gefürchtet: Der Sommerapfelblattsauger ernährt sich von Pflanzensaft aus den frischen Trieben von Apfelbäumen. Wenn die Tiere, die hervorragend springen können und deshalb auch Blattflöhe heißen, sehr zahlreich auftreten, wachsen Blätter und Blüten schlecht und können sogar absterben. Doch das Insekt ist noch aus einem weiteren Grund ein unwillkommener Gast auf Obstplantagen. Es überträgt die Apfeltriebsucht, die jedes Jahr in Europa Schäden im dreistelligen Millionenbereich verursacht. „Ein erkrankter Baum treibt unkontrolliert aus, erhält einen besenartigen Wuchs und produziert nur noch wenige Zwergfrüchte“, erklärt Dr. Jürgen Gross vom Julius-Kühn-Institut (JKI) für Pflanzenschutz in Obst- und Weinbau in Dossenheim [siehe Förderprojekt KlimaKom]. Der Entomologe ist dem Sommerapfelblattsauger schon seit Jahren auf der Spur und sucht nach Wegen, wie man das Insekt und damit auch die Apfeltriebsucht ohne chemische Insektizide bekämpfen kann. Die eigentlichen Verursacher der Apfeltriebsucht sind zellwandfreie Bakterien – sogenannte Phytoplasmen. Einmal in die Pflanze gelangt, lassen sich diese Mikroorganismen nur sehr schwer bekämpfen. „Die Landwirte können den Baum dann nur noch roden und verbrennen“, so Gross. Wenn ein Baum befallen ist und sich ein Apfelblattsauger darauf niederlässt, nimmt er die Bakterien über den Pflanzensaft auf. Fliegt das Insekt mit seinen blinden Passagieren zum nächsten Baum, infiziert es auch diesen. Rasch kann sich die Krankheit so im Bestand ausbreiten – für die Apfelbäuerinnen und -bauern eine Katastrophe. Denn damit verlieren sie nicht nur die Ernte, sondern auch die Obstanlage.

„Attract and kill“: Nach diesem Prinzip funktioniert die Lockstofffalle, mit der das Team des JKI Schädlinge erst durch einen bestimmten Geruch anzieht und dann tötet. Photo: © Jürgen Gross (JKI)

Gegen Schädlinge anduften

In den Anbaugebieten Südtirols wird der Sommerapfelblattsauger mit bis zu zehn Anwendungen pro Saison mit Insektiziden bekämpft. In Deutschland allerdings gibt es seit einigen Jahren kein Pflanzenschutzmittel mehr, das zur Bekämpfung des Sommerapfelblattsaugers zugelassen ist. Jürgen Gross und sein Forschungsteam vom JKI sind auf der Suche nach alternativen Bekämpfungsmethoden – und waren bereits erfolgreich. Ihre Untersuchungen zeigen, dass spezielle Duftstoffe dabei helfen können, den Sommerapfelblattsauger in Schach zu halten. Seit 2017 entwickeln die Forscherinnen und Forscher mit Unterstützung des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft [BMEL] und mit Partnern aus Forschung und Industrie praxistaugliche Strategien für einen umweltfreundlichen Pflanzenschutz. Dabei machen sie sich eine besondere Vorliebe der Sommerapfelblattsauger zunutze. Diese überwintern auf Nadelbäumen und steuern erst im Frühjahr Apfelbäume an, um dort ihre Eier abzulegen. Die frisch geschlüpften Insekten wachsen auf dem Apfelbaum heran und werden nach einigen Wochen von einem Duftstoff angezogen, den nur mit Apfeltriebsucht infizierte Bäume absondern. Diesen kranken Apfelbäumen statten die Insekten einen Besuch ab und nehmen dort den Erreger auf – kurz bevor sie zum Überwintern wieder auf die Nadelbäume umziehen. Nach dem Winter wirkt der Mechanismus umgekehrt: Nun bevorzugen die Tiere gesunde Apfelbäume und überbringen so im Frühjahr ihre krank machende Fracht auf neue Bäume.

Beta-Caryophyllen heißt der Lockstoff, den die infizierten Bäume produzieren und damit neue Blattflöhe anziehen. Zusammen mit der Arbeitsgruppe von Professor Anant Patel, einem Formulierer an der Fachhochschule Bielefeld, entwickelt das Team des JKI winzige Kapseln, die diesen Lockstoff enthalten. Doch damit nicht genug. „Attract and kill“ – also anlocken und töten – heißt das Prinzip, mit dem der Sommerapfelblattsauger dezimiert werden soll. Neben den biologisch komplett abbaubaren Kapseln, die im Frühjahr an ausgewählten Stellen der Plantagen versprüht werden und dort an den Blättern der Bäume haften bleiben, bringen die Forscherinnen und Forscher weitere Kapseln mit einem Pilz aus. Dieser befällt die angelockten Insekten und tötet sie innerhalb weniger Tage.

Noch feilt das Forschungsteam an den Feinheiten der Methode und probiert aus, wie Duftstoff und Pilz so effektiv wie möglich zusammenwirken können. Der Charme dieser Strategie liegt für Jürgen Gross vor allem darin, dass sie hochspezifisch wirkt. Der verwendete Pilz aus der Gruppe der Fliegentöterpilze ist nur für die Blattsauger tödlich und beeinträchtigt keine weiteren Insektenarten. In einer Freilandstudie, die zusammen mit der Universität Kopenhagen in Dänemark durchgeführt wurde, fingen die Forscherinnen und Forscher Tausende Blattsauger und fanden drei Exemplare, die mit dem bis dahin unbekannten Pilz infiziert waren. Dieser wurde in einem aufwendigen Prozess isoliert, im Labor vermehrt und schließlich auf künstlichen Nährmedien kultiviert. „Dafür mussten wir viel ausprobieren und hatten mit einem Nährboden, der Milch und Eigelb enthält, schließlich Erfolg“, verrät Jürgen Gross. Auch für Verwandte des Sommerapfelblattsaugers wie etwa den Birnenblattsauger oder den Pflaumenblattsauger, die ebenfalls bakterielle Krankheiten auf Obstbäume übertragen, möchte er nun ähnliche Verfahren entwickeln.

Mit Viren gegen Maden

Während Jürgen Gross mit Hilfe von Lockstoffen und Pilzen Pflanzen vor Krankheiten schützt, nutzt sein Kollege Professor Johannes Jehle vom JKI in Darmstadt dafür Viren. Der Leiter des Instituts für Biologischen Pflanzenschutz arbeitet mit der gut erforschten Gruppe der Baculoviren, die ausschließlich Insekten infizieren. Seit Jahrzehnten nutzt man beispielsweise das Apfelwicklergranulovirus weltweit sehr erfolgreich im Obstanbau, um den Apfelwickler zu bekämpfen. Die frisch geschlüpften Maden des Insekts fressen sich nach und nach bis zum Kerngehäuse der Frucht durch und sorgen so für große Ernteausfälle. Das Granulovirus wird kurz nach dem Schlupf in den Plantagen versprüht, infiziert die jungen Larven und tötet sie innerhalb weniger Tage. Auch hier gilt: Das Virus wirkt hochspezifisch und ist nur für den Apfelwickler tödlich.

Die Geschichte des Apfelwicklergranulovirus ist eine Erfolgsgeschichte des biologischen Pflanzenschutzes. Allerdings gibt es seit Mitte der 2000er Jahre ein Phänomen, das Sorge bereitet: Auf einigen Plantagen wirkt das Virus nicht mehr gegen die Insekten. Einige Apfelwicklerpopulationen haben Resistenzen gebildet. Vor allem für Ökobetriebe ist das verheerend, denn gegen die gefräßigen Maden gibt es kaum alternative Maßnahmen.

„Den genauen Mechanismus der Resistenzbildung kennen wir noch nicht“, erklärt Johannes Jehle. Schon kurz nach dem Auftreten der ersten Resistenzen untersuchte er mit seinem Team die betroffenen Plantagen und Populationen. „Es gibt mehrere Virusstämme des Apfelwicklergranulovirus, und wir entdeckten, dass einige dieser Stämme immer noch wirksam sind“, sagt er. Mit diesen Erkenntnissen konnten neue Präparate für den biologischen Pflanzenschutz entwickelt werden, die auch gegen die resistenten Populationen des Apfelwicklers eingesetzt werden können. Damit ist die Gefahr zumindest vorerst gebannt. Dennoch behält Johannes Jehle das Thema aufmerksam im Blick. „Letztlich ist es ein Wettlauf gegen die Zeit“, erklärt der Biologe. Der Fall zeige, dass sich Organismen evolutionär anpassen und es immer wieder zu Resistenzbildungen kommt. Auf molekularer Ebene müsse nun untersucht werden, welche Gene und Mechanismen daran beteiligt sind und wie sie vererbt werden. In den Institutslaboren züchtet Johannes Jehle dafür sowohl Apfelwickler als auch Viren und testet, welche Virenstämme gegen verschiedene Apfelwicklerpopulationen einsetzbar sind. Heute können die Forscherinnen und Forscher schon anhand des Virusgenoms erkennen, ob der jeweilige Stamm Resistenzen des Apfelwicklers überwinden kann.

Unter Netzen in Deckung

Pflanzenschutz ohne Einsatz von Pflanzenschutzmitteln ermöglichen auch mechanische Barrieren wie Folien oder Netze. Letztere werden beispielsweise gegen die invasive Kirschessigfliege eingesetzt, die vor etwa zehn Jahren von Südostasien nach Europa eingeschleppt wurde und massive Schäden im Obst- und Weinbau verursacht. Das JKI prüft aktuell in einem Projekt den optimalen Einsatz von besonders engmaschigen Netzen, durch die die kleinen Fliegen nicht hindurchschlüpfen können. Ob Viren, Pilze, Netze, Duft- oder Lockstoffe – das Repertoire des Pflanzenschutzes ohne Insektizide wächst stetig. „Diese Formen des Pflanzenschutzes machen zwar etwas mehr Arbeit“, resümiert Jürgen Gross, „aber der Gewinn ist eine höhere Artenvielfalt in den Anlagen.“ Denn durch weniger chemische Mittel haben zum Beispiel Vögel und Insekten wieder bessere Lebensbedingungen.

SoFI

Fake einer Projektseite

Symbolbild für das Projekt

Bodenfruchtbarkeit ((Untertitel))

SoFI

((Excerpt)) Sensordatenbasierte Kartendienste zur bodenschonenden Bewirtschaftung und umweltgerechten Düngung bei der überbetrieblichen Maschinenverwendung durch Kombination unterschiedlich skalierter Geodaten

((Text)) Im Einklang mit den Zielen des Programms für die Innovationsförderung des BMEL soll im Vorhaben SoFI eine ressourceneffiziente und umweltschonende Düngung und Bodenbearbeitung im Hinblick auf die Reduzierung klimaschädlicher Emissionen durch Realisierung einer umfassenden und länderübergreifenden, auf die Bereitstellung präziser standortbezogener Informationen aufsetzenden Beratungslösung unterstützt werden…

((Ich habe hier jetzt nicht zusätzlich die Kontaktspalte simuliert.))

Bodenfeuchte aktuell

Grünland

Die tagesaktuellen Messungen zur Bodenfeuchte an den Messtationen des Deutschen Wetterdienstes (DWD)

KlimAgrar.de

Die Bodenfeuchte – ein zentraler Indikator zur Bewertung des aktuellen Zustands landwirtschaftlich genutzter Böden

Wasserhaltevermögen und Feldkapazität sind wichtige Parameter in der hydrologischen Charakterisierung landwirtschaftlich genutzter Böden. Sie sind abhängig von der Bodenart, also davon, ob es sich etwa mehr um „sandigen Lehm“ (schweren Boden) oder mehr um „lehmigen Sand“ (leichten Boden) handelt – so die Terminologie des Deutschen Wetterdienstes (DWD). Sie bestimmen zum einen die ökologischen Eigenschaften des Bodens, zum anderen aber auch, wie gut sich ein Boden überhaupt ackerbaulich bewirtschaften und bearbeiten lässt.

Grundsätzlich weiß der Landwirt das alles, er kennt seinen Boden. Was er nicht von vornherein weiß, ist, ob sein Boden, der schon wieder staubtrocken aussieht, auch in diesem Jahr wieder auf eine Dürre zusteuert, die seine Ernte vernichten wird. Wenn er es mit einem sogenannten Minutenboden zu tun hat, könnte der auch so steinhart sein, dass er ihn gar nicht bearbeiten kann. Oder die Wasserlachen, die er in den Senken sieht, könnten ihm bedeuten, dass er mit seinem Trecker darin versinken wird, wenn er ihn zur Bearbeitung heute befahren will. Aber auch ohne solche Extreme wird der Bauer eine bis in die Tiefe reichende Bodenverdichtung durch eine Befahrung zum falschen Zeitpunkt vermeiden wollen.

Es wäre wünschenswert, um nicht zu sagen, äußerst nützlich für seine Arbeitsplanung, wenn der Bauer einen Indikator hätte, der ihm erlaubte, die Situation auf seinem Land und den Zustand seines Bodens aktuell einzuschätzen und im Tages- oder Wochentakt zu verfolgen.[1]


[1] Aus den Diskussionen zwischen Wissenschaftlern und Landwirten haben wir inzwischen gelernt, dass es dabei nicht um den Bodenzustand als solchen, sondern – etwa wie beim Bodenschutz – um den Erhalt der Bodenfunktionen geht.


Erst recht in Zeiten des Klimawandels, wo sich eine Verschiebung der Klimazonen oder Jahreszeiten immer deutlicher abzeichnet, gepaart mit immer stärkeren Extremwetterlagen wie anhaltenden Dürreperioden oder Extremwetterereignissen wie Starkregen und Gewitter, die an einem Tag – und das immer häufiger – den halben Acker fortspülen (Bodenerosion) oder das Erntegut verhageln (Ernteschäden), wird der Ruf nach hydrologischen Bodenparametern, die Indikatorcharakter haben, immer lauter.

Kurzum, der Bauer möchte wissen, wie es unter der Grasnarbe oder der Ackerkrume aussieht, wie hoch aktuell der Anteil der nutzbaren Feldkapazität seines Bodens ist, sprich der Vorrat an Bodenwasser, der dem Weidegras oder den Pflanzen, die er angebaut hat, in einer Tiefe von bis zu einem halben oder einem Meter, d. h. der Wurzeltiefe, zur Verfügung steht.

Die Bodenfeuchte ist ein Maß für das verfügbare Wasser (vW) im Boden und für die nutzbare Feldkapazität (nFK). Sie wird durch die Niederschlagsmenge (RR) und die reale Verdunstung (Verd) bestimmt und hat einen solchen Indikatorcharakter.

Die Schwierigkeit: Die Bodenfeuchte in der Tiefe ist klassisch nur durch Bodenproben oder Sonden messbar, die man vor Ort aus dem Bodenprofil zieht bzw. darin einbringt (invasive Messung). Und auch dann hat man nur eine Punktmessung. Großräumig, also per Fernerkundung zum Beispiel mit Hyperspektralsensoren und Satellitenbild, ist sie eine modellierte Größe und nur indirekt „messbar“, etwa durch Rückschluss aus der messbaren Bodentemperatur oder aus dem Wachstumsfortschritt der Pflanzen anhand des Vegetationsindexes. Ansonsten sieht man per Reflexion oder Rückstreuung nur das Wasser an der Oberfläche oder – etwa mit Radar – in nur wenigen Zentimetern Tiefe. Ein aktuelles Beispiel sind Satellitenbilder von den Sentinel-1-Satelliten mit C-Band-Synthese-Apertur-Radar-Sensoren bei 6 cm Wellenlänge (C-SAR) mit einer Eindringtiefe bis maximal 5 cm, welche selbst wieder mit dem Wassergehalt variiert.


Bodenfeuchte-Messungen des Deutschen Wetterdienstes (DWD)

Der Deutsche Wetterdienst (DWD) geht einen Mittelweg und versucht mit Hilfe seines landesweiten Netzes an Messtationen, die Lücke zwischen Punkt- und Flächenmessung zu schließen. Dazu verwendet er ein eigenes Wasserbilanzmodell für den Boden, das Niederschlag und reale Verdunstung verbindet, und berechnet auf zwei Standardbodenarten reduziert (die wir oben schon zitiert haben), unter Berücksichtigung des konkreten Pflanzenbewuchses sowie aller aktuellen Wetterdaten ein modellhaftes Bodenfeuchteprofil am Messort, das den verfügbaren Wassergehalt (vW) in Form der relativen nutzbaren Feldkapazität (% nFK) für eine Tiefe von 0–60 cm angibt. Die Profile für die beteiligten Messtationen werden tagesaktuell auf einer Webseite des DWD online gestellt. Sie sind jeweils als Zeitreihe über zehn Tage mit den dazugehörigen Daten in Form einer Graphik abrufbar. Darüber hinaus werden sie in Form zweier Landkarten interpoliert, die die aktuelle Bodenfeuchtesituation in Deutschland quasi flächendeckend wiedergeben:

www.dwd.de/DE/leistungen/bodenfeuchte/bodenfeuchte.html

Wir geben hier das aktuelle Beispiel für Potsdam wieder (© DWD):
Deutscher Wetterdienst (DWD)

aktuelle Bodenfeuchte Potsdam

Und dies ist die aktuelle Bodenfeuchtesituation in Deutschland (© DWD / Geobasisdaten: © BKG):

aktuelle Bodenfeuchtesituation in Deutschland (sL)aktuelle Bodenfeuchtesituation in Deutschland (lS)

Die aktuellen Daten zur Bodenfeuchte an den Messtationen des DWD

Um Ihnen einen Überblick zu ermöglichen, haben wir die in Sachen Bodenfeuchte aktiven Messtationen des DWD auf einer Übersichtskarte plaziert und dort für Sie erreichbar gemacht, und zwar zunächst für die Bundesländer Rheinland-Pfalz und Berlin/Brandenburg, weil wir dort im Rahmen von KlimAgrar in Zusammenarbeit mit Cosmic Sense🕸 auf Standorten der Projekte SoFI und BewAMo eigene Messungen vornehmen, um die bestehende Lücke zwischen Punkt- und Flächenmessungen auf einer weiteren Größenskala zu schließen.

© DSH, 2020
Klick auf ein Bundesland!
(zur Zeit Rheinland-Pfalz, Brandenburg
oder Schleswig-Holstein) und dann
auf eine DWD-Messtation (blau)!
Zurück von dort
mit „Browserfenster rückwärts“!

 Jahresverlauf der Bodenfeuchte in Deutschland

2019, 2020, 2021 – die letzten drei Jahre im Vergleich

Auflösung: 1 km2 · Stand: 31-Dez-2021 – © DSH, 2022 (MP4, 06:40 min, FullHD, 78 MB)

Verlauf der Bodenfeuchte im Kalenderjahr 2021

Inzwischen liegen die Daten für das gesamte Kalenderjahr 2021 vor. Mittelwert über die Fläche bei einer Auflösung von 1 km2 für ganz Deutschland (blaue Linie) mit Standardabweichung (Schraffur) und Minimum- und Maximumwerten pro Kalendertag. Die rote Punktlinie zeigt den geglätteten Verlauf durch das Jahr, die schwarze Punktlinie den über 31 Jahre gemittelten Jahresverlauf 1991–2021.

Danach lag die Bodenfeuchte in Deutschland bis Mitte Mai in diesem Jahr zumeist etwas unter dem langjährigen Mittel, den Sommer hindurch dafür dann beträchtlich darüber und ab dem Herbst wieder darunter. (Stand: 31-Dez-2021 – © DSH, 2022)

Zeitreihentrends für die Entwicklung der mittleren Bodenfeuchte in Deutschland von 1991 bis 2021

Deutschland gesamt (schwarz), Nordwestdeutschland (rot), Nordostdeutschland (gelb), Süddeutschland (blau)

Die Trends zeigen, dass die mittlere Bodenfeuchte in Deutschland in den letzten dreißig Jahren um 8,5 %-Punkte abgenommen hat. (Stand: 31-Dez-2021 – © DSH, 2022)

Wie profitieren Schädlinge vom Klimawandel?

BMEL Forschungsfelder Magazin

Die Forschungsfrage in: Forschungsfelder – Magazin für Ernährung und Landwirtschaft, hrsg. v. BMEL, Heft 2/2020 (Juni), Seite 34 (PDF) – (Titel des Heftes: „Blaues Wunder. Wie eingeschleppte Schädlinge Pflanzen bedrohen“)

Das Gespräch führte Martin Sattler mit Anne Wilstermann, der stellvertretenden Projektkoordinatorin im Forschungsprojekt ProgRAMM am Julius-Kühn-Institut in Braunschweig.

Anne Wilstermann (ProgRAMM). Ill.: Sarah Heiß

Im Projekt ProgRAMM entsteht ein Modell, um Schadorganismen zu untersuchen, von denen durch den Klimawandel ein höheres Risiko für Pflanzen ausgeht. Dadurch sollen heimische Pflanzen besser geschützt werden. Wie das gelingt, erklärt Dr. Anne Wilstermann.

Frau Wilstermann, auf welchen Wegen gelangen neue Schädlinge zu uns?

Ein Verbreitungsweg sind importierte Waren. Zwar werden Pflanzenprodukte effektiv kontrolliert, trotzdem gelingt es Schädlingen zum Teil, als blinde Passagiere mitzureisen, beispielsweise an Gartenstühlen aus Holz. Auch Menschen bringen sie unbemerkt von ihren Reisen mit oder bestellen im Internet Zierpflanzen ohne Pflanzengesundheitszeugnis. Einige Insekten fliegen auch einfach selbst zu uns. Das nimmt aktuell gerade aus den südlichen Ländern zu, da die natürliche Barrierefunktion der Alpen durch die Klimaerwärmung zurückgeht.

Was bedeutet das für heimische Pflanzen?

Neue invasive Arten können sich meist ungehindert verbreiten, weil natürliche Gegenspieler fehlen. Wie die Marmorierte Baumwanze, die eigentlich aus Ostasien stammt. Sie ist gegen viele Pflanzenschutzmittel resistent und befällt mehr als 300 verschiedene Pflanzenarten. Die Früchte geschädigter Obst- und Gemüsepflanzen lassen sich nicht mehr verkaufen. Hier bleibt als Anbaualternative eventuell nur das geschützte Gewächshaus.

Wie lassen sich Pflanzen vor diesen Schädlingen schützen?

Wir brauchen ein genaueres Bild davon, wer sie bedroht. Durch den Klimawandel sind zu den üblichen Verdächtigen neue Schädlinge hinzugekommen. Gerade solche, die eigentlich in südlicheren Ländern heimisch sind. Um sie im Blick zu haben, erstellen wir im Rahmen des Projekts ProgRAMM – „Proaktive pflanzengesundheitliche Risikoanalyse durch Modellierung und Monitoring“ – ein Simulationsmodell. So können wir voraussagen, in welchen Regionen sich neue klimasensitive Schädlinge ansiedeln und welche Schäden sie anrichten.

Welche Arten beobachten Sie?

Unser Partner, das Landwirtschaftliche Technologiezentrum Augustenberg (LTZ), erhebt Daten zu sechs Schädlingen: der Marmorierten Baumwanze, der Grünen Reiswanze, dem Baumwollkapselwurm, der Roten Austernschildlaus, der Tomatenwolllaus und der Mittelmeerfruchtfliege. Von diesen Arten wissen wir, dass sie sich in Deutschland angesiedelt haben und hier nicht mehr eindämmen lassen.

Welche Daten fließen in das Modell ein?

Grundlage des Modells sind einerseits Daten des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) und andererseits Daten über Wirtspflanzen, die den Schädlingen zur Verfügung stehen. Wir kombinieren diese Daten mit den biologischen Bedürfnissen der Schädlinge. Zudem können wir Verbreitungswege wie Verkehrsknotenpunkte oder potentielle Überwinterungsquartiere wie Kleingärten miteinbeziehen. Außerdem erheben wir Daten zum Verbreitungsgebiet, zu entstandenen Schäden und zur Populationsentwicklung. Die brauchen wir, um die Genauigkeit unseres Modells zu prüfen. Dabei sind wir auch für Hinweise aus der Bevölkerung dankbar – im vergangenen Jahr hat das LTZ rund 750 Meldungen zu den genannten Schädlingen erhalten.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Wir stellen das Modell und die Projektergebnisse Anfang 2022 auf einer interaktiven Plattform zur Verfügung – frei zugänglich für alle Hobbygärtnerinnen und -gärtner sowie für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die etwa die Ausbreitung anderer invasiver Arten erforschen. Ich wünsche mir, dass wir bei der Pflanzengesundheit alle an einem Strang ziehen. Wenn alle die Augen offenhalten – Bürgerinnen und Bürger sowie Pflanzenbau, Wissenschaft und Pflanzenschutzdienste –, können wir unsere Pflanzen schützen.