BMU-Agrarkongress 2020

BMU-Agrarkongress 2020

Am 14. Januar 2020🕸 hatte das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) im vierten Jahr in Folge zum Agrarkongress eingeladen. In diesem Jahr stand er unter dem Titel „Umwelt und Landwirtschaft im Dialog: Für einen Green Deal in der Agrarpolitik“. Unter den rund dreihundertTeilnehmern befanden sich neben der Bundesumweltministerin Svenja Schulze selbst einige weitere Vertreterinnen und Vertreter aus der Politik und darüber hinaus aus Landwirtschaft, Verbänden, Wissenschaft sowie Presse und Zivilgesellschaft. Moderiert wurde die Veranstaltung von der Journalistin Tanja Busse, die auch wir im Februar 2019 als Gastrednerin zur KlimAgrar-Auftaktveranstaltung🕸 eingeladen hatten.

Svenja Schulze eröffnete die Veranstaltung mit ihrer Ansprache, in der sie großen Wert auf die Begrifflichkeiten Gesprächsbereitschaft, Veränderungsbereitschaft und Forum für Dialog legte. Immer wieder betonte sie, es müsse ein Miteinander geben, um die zukünftigen Aufgaben der Landwirtschaft anzugehen. Für eine allumfassende Lösung stünde ein „Gesellschaftsvertrag“ von Landwirtschaft und Umwelt (vgl. „Welt im Wandel – Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation“, das Gutachten des WBGU aus dem Jahr 2011). Schulze hob ebenfalls hervor, dass wir endlich eine Agrarpolitik bräuchten, die Umweltbelastungen erkenne und abstelle – das betreffe nicht nur die Nitratproblematik im Grundwasser, sondern unter anderem auch den Pestizideinsatz in der Landwirtschaft. Die Grundlage für eine zukunftsfähige Landwirtschaft sei eine Symbiose aus Reinhaltung der Luft, Boden-, Gewässer-, Klima- und Artenschutz.

Die Appelle von Bundesumweltministerin Schulze wurde von zwei wissenschaftlichen Vorträgen untermauert. Zum einen stellte Professor Dirk Messner, neuer Präsident des Umweltbundesamtes und seinerzeit, 2011, Mitautor des genannten „Gesellschaftsvertrages, einige wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Landwirtschaft vor und sprach konkret die Punkte Klimapolitik (angelehnt an die Minderung weiterer Treibhausgasemissionen), Ammoniakemissionen, Boden (insbesondere Verlust der Bodenfunktionen), Biodiversität sowie Gewässerbelastung an. Er sprach sich dafür aus, dass es konkrete Leitlinien geben müsse wie Transparenz und Dialogbereitschaft aus der Landwirtschaft und klare Rahmenbedingungen seitens der Politik. Hilfreich sei ebenfalls eine schrittweise Veränderung der Ernährungsweise, außerdem müsse man der Lebensmittelverschwendung ein Ende setzen und den Handel transparenter machen. Zum anderen gab Professor Hiltrud Nieberg, Leiterin des Instituts für Betriebswirtschaft im Thünen-Institut, einen Einblick in die sozioökonomische Situation in der Landwirtschaft. Ihre Hauptaussagen betrafen vor allem die fehlende Planungssicherheit, die die Landwirtschaft doch für eine nachhaltig ausgerichtete Zukunft benötige, sowie die Verabschiedung vom Wettbewerbsgedanken.

Alexander Müller, ehemaliger stv. Generaldirektor der FAO und ehemaliges Mitglied des Rates für Nachhaltige Entwicklung (RNE), heute Geschäftsführer der (TMG) ThinkTank for Sustainability GmbH in Berlin, führte in eine Reihe lokaler Gesellschaftsverträge für eine zukunftsfähige Landwirtschaft ein und forderte eine neue Mittelstandspolitik. Müller plädierte außerdem dafür, dass man die Frage nach der Wertschöpfung stellen und dass man diese gegen die Kosten, zum Beispiel für Natur und Umwelt, abwägen müsse. Die EU-Ratspräsidentschaft, die Deutschland im zweiten Halbjahr 2020 innehaben wird, sieht Müller als Chance, um die Idee des Gesellschaftsvertrages auch wirklich in Politik umzusetzen. Letztlich forderte er, dass ähnlich wie bei der Einführung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) ein EU-/Industrieland (Deutschland) Modell für die Nachhaltigkeitsziele stehen solle. Zu den lokalen Projekten aus Mecklenburg-Vorpommern und Baden-Württemberg, die im Anschluss vorgestellt wurden, gehören das Pro-Planet-Apfelprojekt der Bodensee-Stiftung, die Marktgemeinschaft Bodenseeobst eG, das F.R.A.N.Z.-Projekt, das Regionalprojekt ei care, die Regionalwert AG Freiburg und der Solidarische Landwirtschaft Ravensburg e.V..

Der Nachmittag begann mit einer Diskussionsrunde zur Frage „Zukunftskommission Landwirtschaft – der richtige Schritt zum Gesellschaftsvertrag?“. Neben der Parlamentarischen Staatssekretärin bei der Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit Rita Schwarzelühr-Sutter MdB saßen Dirk Andresen als Sprecher der Aktion „Land schafft Verbindung“, Doreen Riske von der Agrar GbR Groß Kiesow, Agnes Becker als Sprecherin des Volksbegehrens „Artenvielfalt & Naturschönheit in Bayern“ und der Publizist Albrecht von Lucke mit in der Runde. Aus der Diskussion, in der zunächst Dirk Andresen ausführte, dass sich die Landwirte oftmals einer Ordnungsmacht unterstellt fühlten und deshalb mehr Mitspracherecht an den Entscheidungen für die Landwirtschaft wollten, leitete von Lucke ab, dass alle Seiten (konventionelle wie Biobauern, Ökologen und Nachhaltigkeitsforscher) das gemeinsame Ziel einer intakten Umwelt verfolgten. Im Laufe dieser Diskussion konnte Ulrich Peterwitz von der Gelsenwasser AG anklingende Zweifel über die Echtheit der Nitratproblematik ausräumen. Auch Hubert Wiggering, stellvertretend für die Deutsche Agrarforschungsallianz, konnte sich aus dem Publikum mit einem Beitrag zur “wissenschaftlichen Situation” in der Landwirtschaft einbringen. Zum Abschluss dieser Runde wurden nicht nur aus dem Publikum stimmen laut, die eine gewichtige Einflussgröße am Tisch vermissten und indirekt Vertreter des Lebensmitteleinzelhandels forderten.

Nachdem Patrick Holden, der Gründungsdirektor von Sustainable Food Trust, einen Blick auf die Agrarpolitik in Großbritannien geboten und dabei insbesondere für das umweltrechtliche Verursacherprinzip geworben hatte, ging es in die nächste Diskussion. Zur Frage „Green Deal oder Green Washing – Was will Deutschland in der Agrarpolitik?“ setzten sich Heinrich Bottermann, Staatssekretär im Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen, Beate Kasch, Staatssekretärin im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), Matthias Miersch MdB, stv. Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion, Silvia Bender, Staatssekretärin im Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Klimaschutz des Landes Brandenburg, sowie Reinhold Jost, Vorsitzender der Agrarministerkonferenz und saarländischer Minister für Umwelt und Verbraucherschutz, in die Runde. Diese Debatte fand in erster Linie auf politischer Ebene statt und konnte wenig Inhalte liefern. Immer wieder wurde Beate Kasch auf den kommenden Vorsitz der EU-Ratspräsidentschaft und die Möglichkeiten Deutschlands zur Umgestaltung der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) angesprochen, worauf sie, mit Hinweis auf ihre noch junge Amtszeit (Pressemitteilung), höchstens vage Angaben machte. Leider kam der eigentliche Aspekt der Diskussion, nämlich die Frage nach der Zukunft der Agrarpolitik, viel zu kurz.

Abschließend fand Rita Schwarzelühr-Sutter einige zusammenfassende Worte, mit denen sie versuchte, die inhaltliche Debatte wieder in den Vordergrund zu stellen. Damit ist das letzte Wort bezüglich des sogenannten Gesellschaftsvertrags noch nicht gesprochen. Ebenfalls lud sie zum nächsten, dem fünften, Agrarkongress des BMU im Jahr 2021 ein, zu dem hoffentlich auch Vertreter des Einzelhandels an den Tisch geholt werden.

DAFA-Fachforum Nutztiere

Konferenz zu Rindern, Schweinen, Geflügel

Im Januar 2011 fasste die Deutsche Agrarforschungsallianz (DAFA) sogleich den Beschluss, ein Fachforum Nutztiere einzurichten, das bereits gut ein Jahr später eine Strategie zur Forschung in der Nutztierhaltung und deren Entwicklung verabschiedete. Darin wurden auch die Anforderungen an die Forschungsförderung in diesem Sektor formuliert. Sieben Jahre später, im Januar 2019, stellte das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) dann seine Nutztierstrategie vor für eine zukunftsfähige Tierhaltung in Deutschland. Das Fachforum Nutztiere der DAFA wird darin explizit zur Unterstützung mit einbezogen (siehe Seite 15 dort), doch bleibt die Bundesregierung in ihrem Programm hinsichtlich konkreter Ziele „noch recht vage“ – so fomuliert es die DAFA in ihrer Zwischenbilanz nach sieben Jahren.

Um Wege für eine erfolgreiche Weiterentwicklung der Nutztierhaltung aufzuzeigen, veranstaltete die DAFA nun am 29.–30. Oktober 2019🕸 in Berlin erstmals wieder eine Konferenz ihres Fachforums Nutztiere, an der wir teilgenommen haben. Der Blick richtete sich dabei auf Milchvieh, Mastschweine und Mastgeflügel. Das Ziel ist, die Forschung in der Tierhaltung substantiell zu verbessern und dabei die steigenden Erwartungen der Gesellschaft an die praktizierten Tierhaltungssysteme zu berücksichtigen.

Das Fachforum Nutztiere teilt sich in sechs Fachgruppen zu den drei übergreifenden und den drei nutztierartenbezogenen Themenclustern Gesellschaft, Indikatoren, Ländlicher Raum und Rind, Schwein, Geflügel. Diese haben nach siebenjähriger Arbeit eine kritische Zwischenbilanz vorgelegt, die in der Konferenz auf die drei Nutztier-Cluster konzentriert wurde. Gestützt auf die gemachten Erfahrungen diskutierten die knapp über hundert Teilnehmer in kleinen Gruppen anhand von Leitfragen zur Einschätzung der bisher erzielten Fortschritte, welche Fokussierung und Ausrichtung sich die Forschung künftig geben sollte. Auch wenn der Klimaschutz nicht explizit im Titel der Konferenz stand, war die Anpassung an die globale Erwärmung und die Minderung der Emission von Treibhausgasen (THG) aus den Überlegungen zur weiteren Entwicklung der Nutztierhaltung nicht wegzudenken. Insgesamt wurden die derzeitige Organisation der Forschungslandschaft auf den Prüfstand und neue Anforderungen an kommende Förderprogramme gestellt. Immer wieder kam zur Sprache, dass sich die Forschung in der Vergangenheit zu sehr auf singuläre Probleme konzentriert habe und in Zukunft die Gesamtsysteme in den Fokus gerückt werden müssten. Darüber hinaus herrschte unter den Teilnehmern allgemeiner Konsens, dass die Vernetzung der Forscher untereinander und der offene Austausch von primären Daten und Informationen in Zeiten von Big Data künftig unabdingbar für eine gebündelte und zielgerichtete Forschung sein werden. Auf der anderen Seite ist die Mitwirkung bei der medialen „Übersetzung“ der Ergebnisse aus wissenschaftlicher Arbeit für Politik und Gesellschaft nicht einfach nur zum Nutzen aller, sondern in Zeiten zunehmender Forderung nach Partizipation und Transparenz die Voraussetzung für den Fortbestand einer nachhaltigen gesellschaftlichen Entwicklung unter soziökonomisch geprägten Vorzeichen. Eine Forschungsbegleitung als parallel laufende Instanz kann diesen Transformationsprozess, etwa durch erarbeitete Handlungsempfehlungen, entscheidend verstärken.

Am 23.–24. März 2020🕸 wird die nächste Konferenz des Fachforums Nutztiere der DAFA stattfinden, bei der dann die übergreifenden Themencluster Gesellschaft, Indikatoren und Ländlicher Raum auf der Tagesordnung stehen.

IALE-D-Jahrestagung 2019 in Potsdam

Vom 30. September bis 2. Oktober 2019 fand die Jahrestagung des deutschen Ablegers der International Association for Landscape Ecology (IALE-D) in Potsdam statt. Ausrichter war das Team KlimAgrar von den Landwissenschaften an der Universität Potsdam. Professor Hermann Lotze-Campen vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und Axel Bronstert von der Universität Potsdam eröffneten mit ihren Vorträgen das Thema der Tagung „Landschaft im Klimaschutz“. Erfreulicherweise gab es in den unterschiedlichen Präsentationsformaten auch Beiträge aus der weiteren KlimAgrar-Projektgemeinde. So waren CarboCheck, GülleBest, VitiSoil, GetreideProtekt, MinTHG, OptAKlim, SimKlima, ReMissionDairy, eMissionCow, ResRaMa sowie EMRA mit Vorträgen oder Postern vertreten. Weitere Informationen zum Ablauf und den Inhalten der Tagung finden Sie bei unseren Nachrichten im öffentlichen Bereich der Website.

IPCC Special Report on the Ocean and Cryosphere in a Changing Climate – Verbindungen zur Landwirtschaft

In dieser Woche hat der Weltklimarat (IPCC) den dritten Sonderbericht (SROCC) im Zyklus des 6. Sachstandsberichts vorgestellt. Darin stehen zwar Ozeane und die sogenannte Kryosphäre im Vordergrund, dennoch gibt es einige Verbindungen zur Landwirtschaft und deren Aufgabe zur Ernährungssicherung. Mit hoher Wahrscheinlichkeit haben sich die Veränderungen der Schneeverhältnisse, des Eises auf Binnenseen und Flüssen sowie des Permafrostes negativ auf die Ernährungssicherung und die Wasserverfügbarkeit in arktischen Regionen ausgewirkt. Daneben gibt es insbesondere in hochgebirgigen Regionen der Erde Landwirte, die direkt abhängig vom Schmelzwasser der Kryosphäre sind. Der Rückzug von Gletschern und die Veränderungen der Schneeverhältnisse haben unter anderem in Regionen des Hindukuschs, des Himalayas oder der tropischen Anden durch ausbleibenden oder veränderten Abfluss zu Verlusten bei der Ernte geführt (mittlere Wahrscheinlichkeit). Weniger Wasser zur Bewässerung sowie die Abnahme von Schneemengen können ebenfalls direkten Einfluss auf die Bodenverhältnisse nehmen, indem die Böden trockener werden (mittlere Wahrscheinlichkeit). Aber auch in den Alpen haben sich die Menge und Saisonalität des Abflusses in schnee- oder gletschergespeisten Einzugsgebieten verändert (sehr hohe Wahrscheinlichkeit). Generell hat die stetige Abnahme der Meereisfläche (sehr hohe Wahrscheinlichkeit) oder das Auftauen großer Permafrostgebiete (sehr hohe Wahrscheinlichkeit) direkte Auswirkungen auf die klimatischen Verhältnisse unserer Breiten, indem die Globale Erwärmung durch sogenannte Rückkopplungsprozesse (z. B. die Eis-Albedo-Rückkopplung) weiter verstärkt wird.

IPCC Special Report on Climate Change and Land

Am 8. August 2019 hat der Weltklimarat (IPCC) seinen Sonderbericht zum Thema Klimawandel und Landsysteme (SRCCL) in Genf offiziell vorgestellt. Dieser Sonderbericht gehört zum 6. Berichtszyklus und folgt damit der Veröffentlichung jüngster Berichte, darunter der IPCC-Sonderbericht über 1,5 °C globale Erwärmung (SR1.5). Schwerpunktmäßig behandelt dieser Sonderbericht die Treibhausgasflüsse aus terrestrischen Ökosystemen (natürliche Ressourcen wie Boden, oberflächennahe Luft, Wasser und Vegetation, aber auch menschliche Siedlungen und Infrastruktur), die Landnutzung sowie nachhaltiges Landmanagement. Letzteres insbesondere im Zusammenhang mit der Anpassung an die Globale Erwärmung sowie deren Minderung. Außerdem spielen Landdegradation, Desertifikation und Ernährungssicherung eine tragende Rolle. Aus dem Bericht geht nicht nur hervor, dass sich die Landflächen weltweit seit dem Ende des 19. Jahrhunderts (mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit) um etwa 1,5 °C erwärmt haben, sondern auch, dass dies mit hoher Wahrscheinlichkeit zu häufiger vorkommenden und intensiveren Extremereignissen wie Hitzewellen oder Starkregen geführt hat. Es wird hervorgehoben, dass Maßnahmen wie verbessertes Düngemanagement oder die Nutzung von verschiedenen und gentechnisch veränderten Kulturpflanzen, die höhere Hitzeresistenz und Trockenstresstoleranzen aufweisen, zur Anpassung an den Klimawandel beitragen und den weiteren Ausstoß klimarelevanter Gase verringern können. Gleichzeitig wären politische Maßnahmen, die über die gesamte Lebensmittelwirtschaft und Prozesskette hinweg wirken, mit hoher Wahrscheinlichkeit in der Lage, verstärktes nachhaltiges Landmanagement zu ermöglichen und für Ernährungssicherung im Einklang mit klimafreundlicheren Zukunftswegen zu sorgen. Dabei ginge es dann auch um die Reduzierung von Lebensmittelabfällen sowie deren Verschwendung und die grundsätzliche Ernährung der Menschen.

Reduzierung der Lebensmittelverschwendung?

Ganz aktuell wird wieder viel darüber diskutiert, warum anderswo weniger Lebensmittel in der Tonne landen als hier in Deutschland. In Dänemark beispielsweise ist im Anschluss an einige Aufklärungsinitiativen zur Vermeidung von Abfällen das Start-Up Too Good To Go gegründet worden, das eine App zur Rettung von Lebensmitteln entwickelt hat. Mit der App, die übrigens auch in Deutschland funktioniert, kann man überschüssige Speisen z. B. von Bäckereien oder Restaurants günstiger kaufen. Sowohl in Frankreich als auch in Tschechien und Italien sind Supermärkte mittlerweile gesetzlich dazu verpflichtet, noch genießbare Lebensmittel für wohltätige Zwecke zu spenden. In Deutschland wird dagegen mehr auf Freiwilligkeit gesetzt. Zwar gibt es seit 2019 eine Nationale Strategie zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung, bisher passiert die Vermeidung von Lebensmittelabfällen jedoch auf freiwilliger Basis. In Berlin ist bereits im Jahr 2012 die Initiative foodsharing entstanden, die sich in besonderem Maße gegen Lebensmittelverschwendung einsetzt und für die Rettung von überproduzierten und ungewollten Lebensmitteln sorgt. Im Jahr 2017 wurde in Berlin der erste „Rettermarkt für Lebensmittel“ namens Sirplus eröffnet, in dem sowohl Lebensmittel nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums (das ist kein Verfallsdatum) verkauft werden oder solche, die bei der Produktion durchs Raster fallen – sei es, weil deren Form nicht der üblichen entspricht oder weil es bereits Druckstellen gibt. In der bereits genannten Strategie zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung wird im Handlungsfeld 2 – Prozessoptimierung in der Wirtschaft – unter anderem von Innovationen gesprochen, die Prozesse hinsichtlich der Abfallreduktion verbessern sollen. Es sollen in allen Gliedern der Lebensmittelversorgungskette Abfälle vermieden werden und dadurch nicht nur Kosten gesenkt, sondern obendrein auch nachhaltiger Ressourceneinsatz erreicht werden.