Feld-Versuche

PortalTransfer, Universität Potsdam

Landwirtschaft zwischen Busch und Baum: Wie Benedikt Bösel mit Agroforst das Klima schützt

Potsdam TransferBericht von Wiebke Heiss in PortalTransfer – Wissen und Innovationen aus der Universität Potsdam, Heft 2021/2022, Seite 64–65 (ISSN 1618-6907) – 13-Dez-2021 – Download (PDF)

Der Mule legt sich galant in die Kurve, hoppelt über ein paar Traktorfurchen und kommt flott übers Kopfsteinpflaster des „Gut & Bösel“. Hier in Ostbrandenburg werden 1100 Hektar Acker- und Grünland nach den Regeln der regenerativen Landwirtschaft bestellt. Benedikt Bösel ist Inhaber des Guts, sitzt lässig am Lenkrad und ruft gut gelaunt gegen den Wind an: „Wir nennen ihn Brummi!“ Der junge Landwirt ist auf dem Weg zu Flächen, auf denen er Feldversuche betreibt. Am praktischsten geht das mit seinem kompakten Transport-Fahrzeug.

Landwirt Benedikt Bösel, Gf. Gesellschafter des Schlossguts Alt Madlitz in Briesen (Mark), Brandenburg

Unter dem Motto Beyond Farming experimentiert Bösel auf ausgesuchten Flächen, wie es gelingen könnte, trotz steigender Temperaturen und Wassermangels ertragreich, ökologisch und umweltverträglich die Ernte einzufahren. „Bei unserem Ansatz ist der Boden der Dreh- und Angelpunkt“, erklärt der 36-Jährige und lässt eine Handvoll sandiger Erde, die man so gut aus Brandenburg kennt, durch seine Finger rieseln. „Schlussendlich wollen wir das Land, das wir bewirtschaften, nicht nur in einem guten Zustand halten, sondern durch unsere Nutzung noch verbessern.“

Zu diesem Zweck durchziehen im ersten Feldversuch mit Bäumen und Sträuchern bewachsene Streifen in regelmäßigen Abständen den weiten Acker – ein sogenannter Agroforst. Die Pflanzen sollen quasi mechanisch die Winderosion verringern, das Mikroklima zwischen den Reihen verbessern und dem Boden helfen, Wasser maximal zu speichern. Weitere Feldversuche dienen der Auswahl der besten Baumarten für diese Systeme, die direkt auch beerntet werden können: Obst- und Nussbäume oder Edelholz.

„Je nach Breite der Baumstreifen auf dem Feld sind zwar zwischen fünf und zehn Prozent der landwirtschaftlichen Fläche bepflanzt“, erklärt der Zweimetermann. Die Vorteile der Schneisen machten den dadurch verlorenen Ertrag aber wieder wett, wenn dieser nicht sogar übertroffen werde – zum Beispiel indem wertvoller Humus aufgebaut werde und die Böden zusätzlich Kohlenstoff speicherten und somit der Atmosphäre entzögen. Soweit die Theorie. Ob das wirklich funktioniert? Dafür braucht es nun die Wissenschaft und gemessene Daten. Aus diesem Grund arbeiten der Landwirt und sein Team mit Forschern zusammen, die sich auf der Rückbank von Brummi mit durchschütteln lassen.

Professor Hubert Wiggering und Tarek Kemper, Begleitforschung KlimAgrar an der Universität Potsdam

„Nach dem Übereinkommen in Paris 2015 war die Euphorie groß“, ruft Professor Hubert Wiggering von hinten. Dass die Agrarindustrie besonders von den Beschlüssen betroffen sein würde, war allen klar – der Bereich gehört mit zu den Verursachern von Treibhausgasemissionen. Aber wie neue Maßnahmen auf den Feldern und in den Ställen effektiv umgesetzt werden, um klimaschützend zu wirtschaften – dazu sei in der Politik erst einmal Ernüchterung eingetreten. An der Lösung dieses Problems arbeitet der Landwissenschaftler von der Universität Potsdam nun mit einem Team auf unkonventionelle Weise: „Wir müssen raus aus dem üblichen Klein-Klein in der Agrarforschung und rein in einen orchestrierten Ansatz. Das haben wir der Politik gegenüber stets wiederholt“, erinnert sich Wiggering an die Vision, die inzwischen in das vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft geförderte Vernetzungs- und Transfervorhaben KlimAgrar einfließt. Zwei Aufgaben muss dieses Unterfangen nun so schnell wie möglich erfüllen. Zum einen soll Forschung quasi gecoacht werden: „Unterschiedlichste wissenschaftliche Projekte aus der Landwirtschaft werden von uns zielführend miteinander vernetzt“, erklärt Doktorand Tarek Kemper, der mit zum Team gehört. Auf diese Weise würde nicht mehr jeder vor sich hin forschen, sondern die Kräfte in der Agrarforschung würden gebündelt. Zum anderen sollen die Ergebnisse dieser Förderprojekte ausgewertet und die Erkenntnisse als Handlungsempfehlungen in Wissenschaft, Politik und Praxis einfließen.

„Dieser Prozess kann aber nicht nur in den Köpfen der Forschenden stattfinden. Er muss gleichzeitig auch bei den Anwendern auf den Höfen ablaufen“, meint Kemper. Es bringe nichts, den Landwirten theoretische Empfehlungen vorzusetzen, die diese nicht praktikabel umsetzen können. Und hier schließt sich der Kreis zwischen KlimAgrar und Benedikt Bösel. Wiggering beobachtet schon seit vielen Jahren, dass einige Bauern alternative Ansätze ausprobieren und damit auch „weit schneller sind als wir an den Unis“. Die Agrarbranche ist letztendlich nicht nur Mitverursacher des Klimawandels, sondern auch von den Auswirkungen direkt betroffen und daher gezwungen, sich anzupassen.

„Also ziehen wir los, gucken uns die Szene an und finden raus, wer wie unterwegs ist“, erzählt der Professor. Diese neuen Ansätze werden dann vor Ort forschend begleitet. „Die Erkenntnisse, die wir gemeinsam mit dem Bauer on farm gewinnen – daraus sollen zukunftsorientierte Vorgehensweisen abgeleitet werden.“ Das könnte zum Beispiel so aussehen, dass KlimAgrar mit Hilfe von Bendikt Bösel einen Klimarechner für eine Kohlenstoffsenkenfunktion von Agroforstsystemen entwickelt. Diesen könnte das Gut in Ostbrandenburg nutzen, um eine anrechenbare Größe in Sachen Umweltschutz vorweisen zu können. Wenn ein Landwirt also in naher Zukunft beweisen könnte, klimaneutral zu wirtschaften, würden andere dem erfolgreichen Beispiel folgen. Von der Politik zielgerichtet und durch finanzielle Anreize unterstützt.

(Photos: © Wiebke Heiss)

„Wir werden in Mitteleuropa keine Wüsten bekommen“

Portal, Universität Potsdam

Der Hydrologe Axel Bronstert über extreme Wetterereignisse, deren Ursachen und warum Bäume gießen eine große Aufgabe ist

Bericht von Matthias Zimmermann in Portal – dem Potsdamer Universitätsmagazin, Heft 2/2021 („Familie und Beruf“), Seite 30–31 (ISSN 1618-6893) – 20-Okt-2021 – Download (PDF)

Heiße Sommer, milde Winter, kahle Bäume im Welterbepark und austrocknende Seen im Umland – der Klimawandel ist in Brandenburg längst keine Floskel mehr. Gleichzeitig treten auch Starkregen und Überflutungen häufiger auf. Matthias Zimmermann sprach mit dem Hydrologen Prof. Dr. Axel Bronstert über Extremwetterereignisse rund ums Wasser, ihre Ursachen und wie mit ihnen umzugehen ist.

Dieses Expertengespräch sollte mit der Frage beginnen: „Extreme Trockenheit: Wird das Wasser knapp?“ Stattdessen gibt es Starkregen und Hochwasser. Anderes Problem oder zwei Seiten einer Medaille?

Beides sind hydrologische Extreme, sogenannte Abweichungen vom Mittelwert im Wasserhaushalt. Klar ist: Diese Extreme gehören zum Wasserkreislauf – und zwar grundsätzlich. Auch Hochwasser wie das im Juli in Westdeutschland wurden in der Vergangenheit schon dokumentiert. Allerdings gibt es in aktuellen Daten ernstzunehmende Hinweise darauf, dass diese Abweichungen zunehmen in beide Richtungen. Das hängt zusammen und lässt sich physikalisch nachvollziehen: Durch die Erderwärmung wird mehr Wasser im Wasserkreislauf umgesetzt. Das funktioniert, global gesehen, wie ein Kochtopf: Es verdampft mehr und regnet mehr ab. Allerdings verteilt es sich nicht gleichmäßig, sondern als lokale Extreme.

Werden durch die extreme Trockenheit auch Starkregen & Co. wahrscheinlicher?

Berechnungen sagen: Steigt die Durchschnittstemperatur um drei Grad, gibt es zehn Prozent mehr Wasserumsatz im Wasserkreislauf. Das wären global etwa 100 Millimeter mehr Niederschlag, die sich aber, wie gesagt, regional sehr unterschiedlich verteilen. Beispielsweise werden Dürren und Wassermangel im Mittelmeerraum zunehmen. Einen Großteil der zusätzlichen Niederschläge gibt es dagegen über dem Meer. Aber auch Nordeuropa, wo es ohnehin schon feuchter ist, bekommt mehr Niederschläge. In Deutschland wird der Winter niederschlagsreicher, der Sommer trockener. Außerdem wird Süddeutschland tendenziell eher feuchter, Brandenburg, das zwar viele Gewässer, aber wenig Niederschläge hat, dürfte sich auf noch mehr Trockenheit einstellen müssen.

Was passiert, wenn Trockenheit und Extremniederschläge „aufeinander prallen“?

Grundsätzlich gilt, dass trockene Landschaften mehr Regenwasser aufnehmen können als feuchtere. Sehr feuchte, sprich: bis an die Geländeoberfläche gesättigte Landschaften, wie nasse Moore, nehmen praktisch nichts mehr auf und transferieren den Regen direkt in Abfluss – und sind damit hochwasserfördernd. Dass in ausgetrocknete Böden gar kein Wasser eindringen kann, ist ein Irrtum, der ärgerlicherweise immer wieder verbreitet wird.

Natürlich verringert sich die Infiltrationskapazität, wenn Böden verdichtet werden, bei städtischer Bebauung, aber auch durch Traktorspuren auf dem Feld oder Feldweg. Bei ganz starken Niederschlagsintensitäten, von etwa 100 Millimeter pro Stunde, ist es aber weniger wichtig, auf welche Untergründe sie fallen. Das kann kein Boden vollständig aufnehmen.

In Potsdam gab es in vier der vergangenen fünf Jahre weniger Niederschläge als im langzeitlichen Durchschnitt. Geht uns tatsächlich das Wasser aus?

Es wird bei uns nicht soweit kommen, dass aus dem Hahn kein Wasser mehr kommt. Aber es ist durchaus möglich, dass Wasser knapper wird. Wie gesagt nimmt die durchschnittliche Niederschlagsmenge in Norddeutschland ab, während es im Mittel heißer wird. Das bedeutet, es verdunstet mehr, als es regnet. Das Ergebnis ist ein Absinken des Grundwasserspiegels. Seit 2018 sind das in Brandenburg ein bis zwei Meter. Das bekommen auch die Seen zu spüren, die keinen oberirdischen Zufluss haben, wie viele Seen in Nordostdeutschland, etwa der südlich von Potsdam gelegene Seddiner See. Diese Entwicklung ist auf jeden Fall beängstigend, denn sie betrifft schon jetzt und bald noch stärker die Natur. Irgendwann erreichen die Bäume mit ihren Wurzeln das Grundwasser nicht mehr.

In Potsdam schlagen Stadt und die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten (SPSG) Alarm: Ein Großteil des Baumbestands der historischen Parks ist bedroht. Die Stadt ruft ihre Bürger zum Baumgießen auf. Was kann getan werden?

Gießen? Das ist optimistisch. An einem schönen Sommertag braucht ein Baum fünf Liter pro Quadratmeter „Grundfläche“ der Krone. Bei zehn Metern Durchmesser sind das 75 Quadratmeter und 400 Liter. Eine ausgewachsene Eiche mit 20 Metern Durchmesser braucht dann 1000 Liter – pro Tag! Aber natürlich hilft es zumindest in der größten Not ein bisschen … In Sanssouci lässt die Parkverwaltung mit kleinen Trucks bewässern. Die schaffen sicher auch nicht mehr als den berühmten Tropfen auf den heißen Stein. Langfristig dürfte man, und das hört die SPSG sicher nicht gern, nicht umhinkommen, sich über den Baumbestand Gedanken zu machen: Es gibt Bäume, die brauchen weniger Wasser. Vielleicht muss in diese Richtung gedacht werden.

Wie kann die Wissenschaft – global, aber auch lokal – helfen?

Langfristig dürfte es helfen, die Prozesse und deren Verbindung zu erforschen. Vor allem die Wechselwirkungen zwischen Hydrosphäre und Biosphäre sind noch zu wenig verstanden. Auch wenn wir in Mitteleuropa keine Wüsten bekommen, so wissen wir doch noch nicht, wie sich unsere Landschaften entwickeln werden. Wir wollen die verschiedenen Sphären der Forschung verbinden. Kurzfristiger und angewandter ist unsere Forschung zum Risikomanagement von Extremereignissen. Eine Frage, die uns antreibt, ist: Wie reduzieren wir das Risiko für Bevölkerung und Natur, etwa bei Hochwasser und extremer Trockenheit? Da kann man vieles richtig und falsch machen…

Brandenburg dürfte sich auf noch mehr Trockenheit einstellen müssen.

Unser Boden – Wie wir den Grund unserer Existenz retten

National Geographic

Das November-Heft der deutschen Ausgabe des National Geographic Magazine widmet sich in seiner Titel-Reportage dem Thema Boden und besucht die Landwirte Jens Petermann und Benedikt Bösel auf ihren Höfen in Brandenburg.

National Geographic Deutschland, Nov 2020
Landwirt Jens Petermann in Brandenburg untersucht seinen Boden. (Photo: © Espen Eichhöfer)

„Mit neuen Methoden stemmen sich Bauern und ihre Helfer gegen die drohende Versteppung der Böden in Brandenburg. Was sie entwickeln, könnte zum Vorbild für den Bodenschutz weltweit werden.“

Wir kennen Jens Petermann aus Falkenberg (Dannenberg/Mark) von seinem Beitrag zu diesem Thema auf dem KlimAgrar-Forum für Landwirte🕸, das wir im November 2019 in der Lüneburger Heide veranstaltet haben. Benedikt Bösel vom Schlossgut Alt Madlitz im Landkreis Oder-Spree wird aktiv an unserer Jahrestagung für die Projektteilnehmer🕸 im Berliner Radialsystem in diesem November teilnehmen.

Druckausgabe: Barbara Esser und Espen Eichhöfer (Photos): Unser Boden. Wie wir den Grund unserer Existenz retten. National Geographic. Deutschland. Heft November 2020, Seite 75–95 (ISSN 1615-0872)

Online: www.nationalgeographic.de/umwelt/2020/11/unter-uns-so-koennen-wir-den-boden-retten

Klima

Informationen zur politischen Bildung (IzpB)

Informationen zur politischen Bildung (IzpB) – Heft 347 (2/2021)

Im Juli 2021 hat die Bundeszentrale für politische Bildung das Heft „Klima“ herausgebracht. Es müsste eigentlich den Titel „Klimawandel tragen.

Das Heft enthält umfassende Literaturangaben und beinhaltet folgende Kapitel:

  • Ursachen und Folgen des Klimawandels
  • Das Verhältnis von Klimawissenschaft und Politik
  • Minderungspfade
  • Klimapolitik in der öffentlichen Diskussion
  • Klimaschutz als Aufgabe für Politik und Gesellschaft

Quelle: BPB: Informationen zur politischen Bildung Heft 347 (2/2021) – (ISSN 0046-9408)

Schutz nach Maß

BMEL Forschungsfelder Magazin

Von Heike Kampe in: Forschungsfelder – Magazin für Ernährung und Landwirtschaft, hrsg. v. BMEL, Heft 2/2021 (Juni), Seite 18–23 (PDF) – (Titel des Heftes: „Eine Kunst für sich. Gemüse und Obst im Fokus der Forschung“)

Sie stechen, bohren, saugen und knabbern – Pflanzenschädlinge vermehren sich in Gemüse- und Obstkulturen rasant und können ganze Ernten vernichten. Insektizide schützen die Pflanzen, haben aber negative Auswirkungen auf die Umwelt. Es gibt jedoch zunehmend Alternativen, die umweltfreundlich und effektiv sind.

Er ist nur wenige Millimeter groß, unscheinbar grün – und im Obstanbau gefürchtet: Der Sommerapfelblattsauger ernährt sich von Pflanzensaft aus den frischen Trieben von Apfelbäumen. Wenn die Tiere, die hervorragend springen können und deshalb auch Blattflöhe heißen, sehr zahlreich auftreten, wachsen Blätter und Blüten schlecht und können sogar absterben. Doch das Insekt ist noch aus einem weiteren Grund ein unwillkommener Gast auf Obstplantagen. Es überträgt die Apfeltriebsucht, die jedes Jahr in Europa Schäden im dreistelligen Millionenbereich verursacht. „Ein erkrankter Baum treibt unkontrolliert aus, erhält einen besenartigen Wuchs und produziert nur noch wenige Zwergfrüchte“, erklärt Dr. Jürgen Gross vom Julius-Kühn-Institut (JKI) für Pflanzenschutz in Obst- und Weinbau in Dossenheim [siehe Förderprojekt KlimaKom]. Der Entomologe ist dem Sommerapfelblattsauger schon seit Jahren auf der Spur und sucht nach Wegen, wie man das Insekt und damit auch die Apfeltriebsucht ohne chemische Insektizide bekämpfen kann. Die eigentlichen Verursacher der Apfeltriebsucht sind zellwandfreie Bakterien – sogenannte Phytoplasmen. Einmal in die Pflanze gelangt, lassen sich diese Mikroorganismen nur sehr schwer bekämpfen. „Die Landwirte können den Baum dann nur noch roden und verbrennen“, so Gross. Wenn ein Baum befallen ist und sich ein Apfelblattsauger darauf niederlässt, nimmt er die Bakterien über den Pflanzensaft auf. Fliegt das Insekt mit seinen blinden Passagieren zum nächsten Baum, infiziert es auch diesen. Rasch kann sich die Krankheit so im Bestand ausbreiten – für die Apfelbäuerinnen und -bauern eine Katastrophe. Denn damit verlieren sie nicht nur die Ernte, sondern auch die Obstanlage.

„Attract and kill“: Nach diesem Prinzip funktioniert die Lockstofffalle, mit der das Team des JKI Schädlinge erst durch einen bestimmten Geruch anzieht und dann tötet. Photo: © Jürgen Gross (JKI)

Gegen Schädlinge anduften

In den Anbaugebieten Südtirols wird der Sommerapfelblattsauger mit bis zu zehn Anwendungen pro Saison mit Insektiziden bekämpft. In Deutschland allerdings gibt es seit einigen Jahren kein Pflanzenschutzmittel mehr, das zur Bekämpfung des Sommerapfelblattsaugers zugelassen ist. Jürgen Gross und sein Forschungsteam vom JKI sind auf der Suche nach alternativen Bekämpfungsmethoden – und waren bereits erfolgreich. Ihre Untersuchungen zeigen, dass spezielle Duftstoffe dabei helfen können, den Sommerapfelblattsauger in Schach zu halten. Seit 2017 entwickeln die Forscherinnen und Forscher mit Unterstützung des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft [BMEL] und mit Partnern aus Forschung und Industrie praxistaugliche Strategien für einen umweltfreundlichen Pflanzenschutz. Dabei machen sie sich eine besondere Vorliebe der Sommerapfelblattsauger zunutze. Diese überwintern auf Nadelbäumen und steuern erst im Frühjahr Apfelbäume an, um dort ihre Eier abzulegen. Die frisch geschlüpften Insekten wachsen auf dem Apfelbaum heran und werden nach einigen Wochen von einem Duftstoff angezogen, den nur mit Apfeltriebsucht infizierte Bäume absondern. Diesen kranken Apfelbäumen statten die Insekten einen Besuch ab und nehmen dort den Erreger auf – kurz bevor sie zum Überwintern wieder auf die Nadelbäume umziehen. Nach dem Winter wirkt der Mechanismus umgekehrt: Nun bevorzugen die Tiere gesunde Apfelbäume und überbringen so im Frühjahr ihre krank machende Fracht auf neue Bäume.

Beta-Caryophyllen heißt der Lockstoff, den die infizierten Bäume produzieren und damit neue Blattflöhe anziehen. Zusammen mit der Arbeitsgruppe von Professor Anant Patel, einem Formulierer an der Fachhochschule Bielefeld, entwickelt das Team des JKI winzige Kapseln, die diesen Lockstoff enthalten. Doch damit nicht genug. „Attract and kill“ – also anlocken und töten – heißt das Prinzip, mit dem der Sommerapfelblattsauger dezimiert werden soll. Neben den biologisch komplett abbaubaren Kapseln, die im Frühjahr an ausgewählten Stellen der Plantagen versprüht werden und dort an den Blättern der Bäume haften bleiben, bringen die Forscherinnen und Forscher weitere Kapseln mit einem Pilz aus. Dieser befällt die angelockten Insekten und tötet sie innerhalb weniger Tage.

Noch feilt das Forschungsteam an den Feinheiten der Methode und probiert aus, wie Duftstoff und Pilz so effektiv wie möglich zusammenwirken können. Der Charme dieser Strategie liegt für Jürgen Gross vor allem darin, dass sie hochspezifisch wirkt. Der verwendete Pilz aus der Gruppe der Fliegentöterpilze ist nur für die Blattsauger tödlich und beeinträchtigt keine weiteren Insektenarten. In einer Freilandstudie, die zusammen mit der Universität Kopenhagen in Dänemark durchgeführt wurde, fingen die Forscherinnen und Forscher Tausende Blattsauger und fanden drei Exemplare, die mit dem bis dahin unbekannten Pilz infiziert waren. Dieser wurde in einem aufwendigen Prozess isoliert, im Labor vermehrt und schließlich auf künstlichen Nährmedien kultiviert. „Dafür mussten wir viel ausprobieren und hatten mit einem Nährboden, der Milch und Eigelb enthält, schließlich Erfolg“, verrät Jürgen Gross. Auch für Verwandte des Sommerapfelblattsaugers wie etwa den Birnenblattsauger oder den Pflaumenblattsauger, die ebenfalls bakterielle Krankheiten auf Obstbäume übertragen, möchte er nun ähnliche Verfahren entwickeln.

Mit Viren gegen Maden

Während Jürgen Gross mit Hilfe von Lockstoffen und Pilzen Pflanzen vor Krankheiten schützt, nutzt sein Kollege Professor Johannes Jehle vom JKI in Darmstadt dafür Viren. Der Leiter des Instituts für Biologischen Pflanzenschutz arbeitet mit der gut erforschten Gruppe der Baculoviren, die ausschließlich Insekten infizieren. Seit Jahrzehnten nutzt man beispielsweise das Apfelwicklergranulovirus weltweit sehr erfolgreich im Obstanbau, um den Apfelwickler zu bekämpfen. Die frisch geschlüpften Maden des Insekts fressen sich nach und nach bis zum Kerngehäuse der Frucht durch und sorgen so für große Ernteausfälle. Das Granulovirus wird kurz nach dem Schlupf in den Plantagen versprüht, infiziert die jungen Larven und tötet sie innerhalb weniger Tage. Auch hier gilt: Das Virus wirkt hochspezifisch und ist nur für den Apfelwickler tödlich.

Die Geschichte des Apfelwicklergranulovirus ist eine Erfolgsgeschichte des biologischen Pflanzenschutzes. Allerdings gibt es seit Mitte der 2000er Jahre ein Phänomen, das Sorge bereitet: Auf einigen Plantagen wirkt das Virus nicht mehr gegen die Insekten. Einige Apfelwicklerpopulationen haben Resistenzen gebildet. Vor allem für Ökobetriebe ist das verheerend, denn gegen die gefräßigen Maden gibt es kaum alternative Maßnahmen.

„Den genauen Mechanismus der Resistenzbildung kennen wir noch nicht“, erklärt Johannes Jehle. Schon kurz nach dem Auftreten der ersten Resistenzen untersuchte er mit seinem Team die betroffenen Plantagen und Populationen. „Es gibt mehrere Virusstämme des Apfelwicklergranulovirus, und wir entdeckten, dass einige dieser Stämme immer noch wirksam sind“, sagt er. Mit diesen Erkenntnissen konnten neue Präparate für den biologischen Pflanzenschutz entwickelt werden, die auch gegen die resistenten Populationen des Apfelwicklers eingesetzt werden können. Damit ist die Gefahr zumindest vorerst gebannt. Dennoch behält Johannes Jehle das Thema aufmerksam im Blick. „Letztlich ist es ein Wettlauf gegen die Zeit“, erklärt der Biologe. Der Fall zeige, dass sich Organismen evolutionär anpassen und es immer wieder zu Resistenzbildungen kommt. Auf molekularer Ebene müsse nun untersucht werden, welche Gene und Mechanismen daran beteiligt sind und wie sie vererbt werden. In den Institutslaboren züchtet Johannes Jehle dafür sowohl Apfelwickler als auch Viren und testet, welche Virenstämme gegen verschiedene Apfelwicklerpopulationen einsetzbar sind. Heute können die Forscherinnen und Forscher schon anhand des Virusgenoms erkennen, ob der jeweilige Stamm Resistenzen des Apfelwicklers überwinden kann.

Unter Netzen in Deckung

Pflanzenschutz ohne Einsatz von Pflanzenschutzmitteln ermöglichen auch mechanische Barrieren wie Folien oder Netze. Letztere werden beispielsweise gegen die invasive Kirschessigfliege eingesetzt, die vor etwa zehn Jahren von Südostasien nach Europa eingeschleppt wurde und massive Schäden im Obst- und Weinbau verursacht. Das JKI prüft aktuell in einem Projekt den optimalen Einsatz von besonders engmaschigen Netzen, durch die die kleinen Fliegen nicht hindurchschlüpfen können. Ob Viren, Pilze, Netze, Duft- oder Lockstoffe – das Repertoire des Pflanzenschutzes ohne Insektizide wächst stetig. „Diese Formen des Pflanzenschutzes machen zwar etwas mehr Arbeit“, resümiert Jürgen Gross, „aber der Gewinn ist eine höhere Artenvielfalt in den Anlagen.“ Denn durch weniger chemische Mittel haben zum Beispiel Vögel und Insekten wieder bessere Lebensbedingungen.

Zum Fressen gern

PortalTransfer, Universität Potsdam

Bei TeneTrio ist der Wurm drin. Ina Henkel produziert Hundefutter auf Insektenbasis.

Potsdam TransferBericht von Heike Kampe in PortalTransfer – Wissen und Innovationen aus der Universität Potsdam, Heft 2020/2021, Seite 24–25 (ISSN 1618-6907) – 16-Dez-2020 – Download (PDF)

Ob rund oder viereckig, in Herzchenform oder als kleinen Knochen – den Hundeleckerlis von Ina Henkel sieht man nicht an, dass die Hauptzutat aus Mehlwürmern besteht. 2017 gründete die promovierte Ernährungswissenschaftlerin gemeinsam mit zwei Mitstreiterinnen ihre Firma EntoNative, die unter der Marke TeneTrio nachhaltiges Hundefutter auf Insektenbasis produziert.

Dr. Ina Henkel, Gründerin der EntoNative GmbH (Photo: © Sandra Scholz)

An ihre ersten Insektenmahlzeiten kann sich Ina Henkel noch gut erinnern: „Das waren frittierte Heuschrecken auf einem Markt in Thailand und später gekochte Sagowürmer in einem sehr feinen vietnamesischen Restaurant“, erzählt sie. Als „nussig bis gorgonzolaartig“, beschreibt sie den Geschmack der Insekten. „Auf jeden Fall überraschend.“ Dass die Dienstreisen aus dem Jahr 2013 den Grundstein für ein Unternehmen legen würden, war damals aber noch nicht abzusehen.

„Das Thema Ernährung und Insekten wurde zu dieser Zeit in der Wissenschaft heiß diskutiert“, erzählt Ina Henkel. Und in der Tat haben die Sechsbeiner aus Sicht der Ernährungsforschung einiges zu bieten. „Ihr Protein ist vergleichbar mit Rindfleisch, sie besitzen ähnlich viele Vitamine und Mineralien wie Gemüse und ein Fettsäurespektrum wie beim Fisch“, fasst Henkel zusammen. Die Produktion von Insekten benötigt außerdem viel weniger Wasser, Fläche und Futter und stößt nur einen Bruchteil der CO2-Emissionen aus, die in der Fleischproduktion anfallen. Mit Insekten – das erkannte Ina Henkel rasch – lassen sich gesunde Nahrungs- und Futtermittel ressourcen- und umweltschonend produzieren. Das Wissen darüber allein reichte der Forscherin aber nicht aus. Sie wollte es auch anwenden.

Nach einer Elternzeit wagte die Forscherin gemeinsam mit einer Kollegin den Schritt in die Selbständigkeit – mit vielen offenen Fragen. Unterstützt wurden die gründungswilligen Wissenschaftlerinnen durch den Gründungsservice von Potsdam Transfer – der zentralen wissenschaftlichen Einrichtung für den Wissens- und Technologietransfer an der Universität Potsdam. In einem dreitägigen Crashkurs entwickelten sie ein Geschäftsmodell, erstellten einen Businessplan, machten sich Gedanken über die Vermarktung. „Da wurde schnell klar: Wir brauchen noch jemanden mit betriebswirtschaftlichen Kenntnissen“, erinnert sich Henkel. Als sie diesen Posten kurze Zeit später besetzten, war das Trio komplett.

Drei Tage lang schlossen sich die Jungunternehmerinnen in einen Raum ein, ließen die Ideen sprudeln, diskutierten, schmiedeten Pläne. „Ein ganzes Wochenende haben wir in diesem Raum geschlafen, gegessen, gedacht“, erzählt Ina Henkel. Es war ein Test, ob sie als Team auch unter schwierigen Bedingungen miteinander funktionieren – und offenbar passte es.

Photo: © Karla Fritze

Das Herz des Unternehmens ist heute die Insektenfarm, in der die Unternehmerinnen die Hauptzutat für ihr Hundefutter züchten. Zwischen Mehl, Apfelschnitzen und Karottenscheiben wachsen die Mehlwürmer heran, werden zwölf Wochen nach dem Schlupf geerntet und zu Insektenmehl verarbeitet. Tenebrio molitor lautet der wissenschaftliche Name der Tiere – die damit Pate für die Marke TeneTrio stehen. Wenn die Larven sich verpuppen, schlüpfen etwas später schwarze, gut einen Zentimeter große Mehlkäfer. Ein Weibchen kann bis zu 150 Eier ablegen und so für die nächste Mehlwurmgeneration sorgen.

Photo: © Sandra Scholz

Die Rezepte für ihre mittlerweile 14 Produkte – mit außergewöhnlichen Geschmacksrichtungen wie Erdbeer-Minze oder Birne-Parmesan – halten die Unternehmerinnen bewusst frei von Getreide und Zusätzen. „Viele Hunde – nämlich etwa 20 Prozent – reagieren allergisch auf Weizen, tierische Proteine oder Konservierungsmittel in ihrem Futter“, erklärt Ina Henkel. „So wenig wie möglich, so viel wie nötig“, lautet deshalb die Produktphilosophie bei TeneTrio. „Das Futter muss die Tiere mit genug Energie, allen notwendigen Vitaminen und Mineralstoffen versorgen. Alles, was darüber hinausgeht, ist überflüssig“, sagt die Unternehmerin, die konsequent alle Zutaten auf ihren Produkten klar deklariert.

Photo: © Sandra Scholz

Statt wissenschaftliche Paper zu lesen und Laborversuche zu planen, dreht sich der Arbeitsalltag von Ina Henkel nun darum, Kunden zu gewinnen, neue Rezepte zu kreieren, Kontakte zu pflegen und plastikfreie Verpackungen zu entwerfen – ganz im Sinne der Nachhaltigkeit. „So ein Start-up bedeutet natürlich sehr viel Arbeit“, sagt sie. Und auch die eine oder andere schlaflose Nacht, wenn im Kopf die Produktionszahlen umherwirbeln und Kosten für Maschinen, Räume, Verpackung oder Mitarbeiter berechnet werden. „Aber das Wichtigste ist, dass man überzeugt ist von seiner Idee und dabei Spaß hat.“

Dass die Chefin selbst Futter verpackt oder in der Produktion aushilft, ist selten geworden. Gerade in den Wochen vor Weihnachten wird es am Firmenstandort in Nuthetal aber besonders turbulent – die Kartons für die Adventskalender stapeln sich und wollen mit Leckerlis befüllt werden. Die zahlreichen Bestellungen für das neue Nassfutter müssen bearbeitet werden. Ina Henkel hindert das nicht daran, schon weitere Zukunftspläne zu schmieden. Auf den internationalen Markt hat sie ein Auge geworfen. Die ersten Produkte gibt es bereits in den Niederlanden und auch in Singapur zu kaufen. Weitere Länder sollen folgen. „Irgendwann entwickeln wir vielleicht auch ein Katzenfutter“, sagt die innovationsfreudige Gründerin. „Aber das wird eine große Herausforderung – Katzen sind bekanntlich wählerischer als Hunde.“